CfP „Kulturerbe = Kulturpflicht?“

Kulturerbe = Kulturpflicht

Theoretische Reflexionen zum Umgang mit archäologischen Orten in Deutschland

 

Sektion der AG Theorien in der Archäologie und des AKs „Archäologie kann Gesellschaft“ i. Gr. bei der 81. Verbandstagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschungvom 29. Mai bis 2. Juni 2012 in FriedrichshafenDer Begriff héritage (dt. „Kulturerbe“; engl. heritage) geht auf den Bischof von Blois, Henri-Baptiste Grégoire (1750–1831), zurück und wurde in der Haager Konvention vom 14. Mai 1954 kodifiziert: Jede Schädigung von Kulturgut bedeute eine Schädigung des kulturellen Erbes der ganzen Menschheit. In der Botschaft zum Jahr des Kulturerbes 2002 erhob der ehemalige UNESCO-Generaldirektor Koïchiro Matsuura (1999–2009) folgerichtig den Kulturschutz zur Kulturpflicht: „Es ist ein Zeichen von Weisheit, das kulturelle Erbe wertzuschätzen, es als einen Schatz zu hüten, den unsere Vorfahren hinterlassen haben, und es als unsere Pflicht anzusehen, dieses Erbe unversehrt an unsere Kinder weiterzugeben.“

Die Idee, nachhaltig auch archäologische Fundstätten für die Zukunft zu konservieren, im anglophonen Raum unter dem Stichwort ‚stewardship‘ diskutiert (Lynott u. Wylie 2000; kritisch: Hamilakis 1999; vgl. Smith 2004, 77–104), geht letztlich davon aus, dass Vergangenheit einen intrinsischen Wert für die Menschen darstelle: Wer weiß, woher er kommt, weiß – so die Behauptung – auch, wohin er geht. Diesem Ziel des Kulturgüterschutzes ist die Bundesrepublik Deutschland nicht nur in Form von internationalen Verträgen verbunden, sondern es ist ihr eine freiwillige Selbstverpflichtung. Doch wer entscheidet heute, wie etwas, warum und unter welchen Prämissen bewahrt wird und vor allem für wen, und was „bewahren“ eigentlich meint? Denn Relikte der Vergangenheit können zwar entdeckt werden, aber zu archäologischen Orten werden sie erst durch wissenschaftlich-denkmalpflegerische Definition. Zudem stellen archäologische Orte immer nur einen Ausschnitt und eine Interpretation dar.

Die Prädikatisierung „kulturellen Erbes“ ist dabei eng mit der in den letzten Jahren immer häufiger gestellten Frage „Who owns the past?“ verknüpft und verbindet verschiedene Interessensgruppen – z. B. WissenschaftlerInnen, DenkmalpflegerInnen, ein in sich äußerst heterogenes Bündel der sogenannten reiten Öffentlichkeit bzw. interessierten Laien, TourismusmanagerInnen sowie weitere Akteure aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung – mit sehr unterschiedlichen Zielen. Jede Person oder Gruppe hat dabei eigene Konventionen, Absichten und Interessen, die beispielsweise auch mit Prozessen der Identifikationsfindung – einschließlich der damit zusammenhängenden Möglichkeiten wirtschaftlicher
Vermarktung – verbunden sind (Ickerodt 2005). Vor allem die nach verschiedensten Kriterien definierten archäologischen Orte sind dabei immer wieder Kristallisationspunkte für komplexe und kontroverse Diskussionen um Eigentum und Besitz, Zuständigkeit, Aneignung sowie Nutzung und Vermittlung von letztlich nur denkmalrechtlich mehr oder minder eindeutig definierten archäologischen Denkmalen oder Fundstellen. Als „Zeugnis der Kulturgeschichte der Menschheit“ können sie Bestandteil der auch öffentlich diskutierten Erinnerungskultur und Geschichtspolitik werden, wie die Beispiele des römischen Kastells Saalburg, des Schlachtfelds von Kalkriese oder der wikingerzeitlichen Siedlung Haithabu zeigen. Sie können ebenso vom Missbrauch archäologischer Orte im Dritten Reich und in unterschiedlichen sozialistischen Regimen Zeugnis geben. Aber auch die heutigen Tendenzen europäischer Vereinnahmung sind kritisch zu reflektieren.

Neben Fragen nach Art und Umfang einer Bürgerbeteiligung in raumplanerischen Prozessen sowie aus Sicht des Denkmalschutzes die Regelung von Zugangs- und Nutzungsregelungen archäologischer Stätten (so wie deren Überwachung) spielt das archäologische site management eine immer größere Rolle, sei es nun bei so berühmten Fundplätzen wie dem Mittelberg bei Nebra oder auch an kleineren, beispielsweise im Rahmen des sanften Tourismus oder als Kultplätze von paganen Gruppen angesteuerten archäologischen Orten wie einzelnen Grabhügeln oder Großsteingräbern. Denn auch jenseits von nationalen und internationalen Interessen werden archäologische Fundplätze seit dem 19. Jahrhundert immer häufiger als Bezugspunkte für regionale Identitätsfindung in einer zunehmend globalisierten, aber
auch individualisierten Welt erkannt. Die Grenzen zwischen den Motiven und Narrativen der verschiedenen Interessengruppen von der Religion über die Politik bis zur Wissenschaft sind fließend.

All die damit verknüpften Debatten um ethische Werte und Normen, den Umgang mit archäologischen Fundstellen und Funden sowie die Vermittlung von Wissen über Vergangenheit erfordern letztlich eine verstärkte Selbstreflexion unseres Handelns und damit auch eine Diskussion der z.T. erheblich divergierenden Ziele der unterschiedlichen archäologischen Akteursgruppen (Denkmalpflege, Museen, Universität und Forschung), bei der es letztlich auch darum geht, das Verhältnis von innerem Selbstverständnis, öffentlicher Wahrnehmung und gesellschaftlicher Legitimation näher zu bestimmen (vgl. Smith 2004).

Das vor allem international vieldiskutierte Thema heritage und die Idee einer public archaeology wurde bislang in und für Deutschland von Seiten der Archäologie jedoch kaum theoretisch reflektiert (vgl. Hemme u. a. 2007; Ickerodt 2005; 2011) geschweige denn darauf bezogen in Praxisbeispiele eingebettet. Daher möchten wir ganz gezielt für die deutsche archäologische Denkmalpflege in unserer Sektion eine Plattform für die Diskussion folgender Themenkomplexe bieten:

  •  Was wird als erhaltenswert angesehen und warum? In diesem Zusammenhang gilt es, auch die verschiedenen Definitionen und Abgrenzungen von archäologischen Orten und den damit verbundenen Narrativen einmal näher zu reflektieren, so z. B. welche theoretischen Konzepte den paradigmatischen Wechseln von Monumenten zu Orten und Landschaften, von Restaurierung über Konservierung zu living sites in den internationalen Chartas zu Grunde liegen. Wie wirkt sich das auf die archäologische Denkmalpflege in Deutschland aus? Welche Narrative werden durch die denkmalpflegerischen und archäologischen Tätigkeiten über das „kulturelle Erbe“ „für kommende Generationen“ transportiert und entsprechen diese noch den aktuellen Bedürfnissen?
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung kann die archäologische Denkmalpflege einnehmen und wie versucht sie dieser gerecht zu werden? Welche Rolle wird ihr von der Politik und Öffentlichkeit zugedacht und wie positioniert sie sich zu diesen Forderungen? Oder auch konkreter, was verbirgt sich hinter dem Anspruch, die Authentizität und Integrität von archäologischen Stätten zu erhalten, und wie kann dieser umgesetzt werden? Inwiefern spielen archäologische Orte bei der Konstituierung von kollektiven Identitäten eine Rolle? Warum fokussiert man dabei bewusst auf einzelne Kulturstätten und wie werden diese ausgewählt? Können archäologische Fundstätten wirklich Denk-Male sein? Und sollte die Definitionshoheit der Denkmalpflege angesichts dieser zunehmend gesellschaftlich verstandenen Bedeutung von kulturellem Erbe und vor dem Hintergrund aktueller internationaler Konventionen und pluraler Gesellschaften überdacht werden?
  • Wie entwickelte sich die Idee des kulturellen Erbes unter welchen Einflüssen als kollektive Form des Umgangs mit Vergangenheit? Wie lassen sich die unterschiedlichen regionalen Unterschiede dieser Praxis erklären? Wer waren und sind die Handelnden, wer die Reagierenden und wie wirkt sich die Trennung in aktive Beteiligung und passive Wirkung auf die Archäologie, das Kulturerbe und die einzelnen betroffenen Personen und Gruppierungen aus? Warum erleben wir derzeit eine Inflation von öffentlich präsentierten archäologischen Fundstätten (vgl. Nora 1990)?
  • Wenn man Archäologie als eine der möglichen kulturellen Praktiken ansieht, die Denkmale – seien es Erinnerungsorte oder historische Sachquellen – produzieren, transformieren, mit Erzählungen ausstatten und im weitesten Sinne sogar konsumieren, und im Gegenzug Denkmale von gesellschaftlichem Interesse sind, dann stellt sich die Frage, ob nicht ganz im Sinne einer public archaeology eine stärkere gesellschaftliche Partizipation an den einzelnen Entscheidungen und Vorgängen anzustreben ist. Doch wie könnte so eine Bürgerbeteiligung aussehen? Sind alle Belange gleichberechtigt?

Die Sektion wird von Kerstin P. Hofmann, Ulf Ickerodt, Thomas Meier und Patricia Rahemipour organisiert. Senden Sie bitte bis zum 25. Januar 2012 einen Vortragstitel und ein Abstract (ca. 250 Wörter), der sich dezidiert auf mindestens einen der genannten Themenbereiche bezieht an: kerstin.hofmann@topoi.org.

Reisekosten und Unterkunft können leider nicht übernommen werden. Eine Publikation der Konferenzbeiträge ist geplant.

Literatur
Hemme u. a. 2007: D. Hemme, M. Tauschek u. R. Bendix (Hrsg.), Prädikat „Heritage“. Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen, Studien zur Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie 1 (Berlin 2007).

Ickerodt 2005: U. F. Ickerodt, Hobsbawms erfundene Traditionen – Archäologie als soziales Phänomen. Archäologisches Nachrichtenblatt 10(2), 2005, 167–174.

Ickerodt 2011: U. F. Ickerodt, Meine Geschichte – Deine Geschichte: Quo vadis archäologische Denkmalpflege. Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 65/3, 2011, 240–286.

Lynott u. Wylie 2002: M. J. Lynott u. A. Wylie, Stewardship. The Central Principle of Archaeological Ethics. In: M. J. Lynott u. A. Wylie (Hrsg.), Ethics in American archaeology (Washington 22002), 35–39.

Nora 1990: P. Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek 16 (Berlin 1990).

Pollak 2010: M. Pollak, Vom Erinnerungsort zur Denkmalpflege. Kulturgüter als Medien des kulturellen Gedächtnisses. Studien zu Denkmalschutz und Denkmalpflege XXI (Wien 2010).

Smith 2004: L. Smith, Archaeological theory and the politics of cultural heritage (London 2004).