Archiv der Kategorie: Call for Papers

CfP: Massendinghaltung in der Archäologie

Der material turn und die Ur- und Frühgeschichte

Tagung der Arbeitsgemeinschaft Theorien in der Archäologie e.V. (AG TidA); organisiert von: Kerstin P. Hofmann, Thomas Meier, Doreen Mölders und Stefan Schreiber

23.–24. Mai 2013 im Topoi-Haus Dahlem

Als im Jahr 2002 das erst fünf Jahre zuvor bezogene, neu ausgebaute Depotgebäude des Archäologischen Archivs Sachsen (AAS) einen Erweiterungsbau erhielt, wurde Platz geschaffen für die 18 Millionen Einzelobjekte, die im Freistaat Sachsen seit dem 18. Jh. gesammelt und ausgegraben wurden (1). Bei einer jährlichen Zuwachsrate von 250.000 bis 300.000 Objekten dürfte die Gesamtlagerfläche von 9200 m², die sich über eine 5,50 m hohe, elektrisch betriebene Kompaktregalanlage mit vier Regalblöcken erstreckt, in absehbarer Zeit wieder belegt sein. Auch die Objektnummern in den Fundarchiven anderer Bundesländer liegen im zweistelligen Millionenbereich (z.B. Sachsen-Anhalt mit 11 Millionen und Schleswig-Holstein mit 10 Millionen Einzelfunden). Angesichts dieser Zahlen muss gefragt werden könnte, ob eine Archäologie, die eine „Population von Dingen“ vergangener Lebenswelten, um mit Böhme (2006) zu sprechen, als Stapelware auf Paletten in Magazinen unterbringt, eine Institution der Massendinghaltung ist? Und, so müsste man weiter fragen, wird eine archäologische Praxis, deren institutionelle Pflicht es ist, kulturelles Erbe zu schützen, den Dingen gerecht? Andererseits, was meinen wir überhaupt, wenn wir nach dem Ding und seinen Rechten fragen? Hierauf Antworten zu finden und gleichzeitig eine Idee davon zu vermitteln, worauf wir mit unserer Tagung unter dem Haupttitel „Massendinghaltung in der Archäologie“ hinauswollen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf den erkenntnistheoretischen Diskurs der material culture studies lenken (s. u.a. Hicks/Beaudry 2010).

Auch wenn im Gegensatz zu den angloamerikanischen Wissensräumen das gegenwärtig vielbeschworene Interesse an den Dingen in Deutschland bisher kaum seinen institutionellen Ausdruck gefunden hat, so ist doch in den letzten beiden Jahrzehnten auch hierzulande eine deutliche Zunahme an Dingliteratur zu verzeichnen (s. mit weiterführender Literatur: Böhme 2006; Hahn 2005; König 2005; Veit u.a. 2002); und spätestens nachdem das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2012 das Thema „Die Sprache der Dinge“ zur Etablierung eines neuen Forschungsschwerpunktes aufgegriffen hat, scheint die Rede von einem material turn durchaus berechtigt.

Wie sind die Dinge aus einer gewendeten Perspektive aber nun zu betrachten? Zuvorderst weisen die neuen Dingexpertisen – auf die Vernachlässigung und Unterschätzung materieller Kultur hin. Die Prämierung des Immateriellen in der europäischen Geistesgeschichte habe zu einer Asymmetrie zwischen den Menschen und den Dingen geführt, die es kaum möglich mache, die Bedeutung der Gegenstände zu erkennen, so bspw. Hans Peter Hahn (2005, 7). Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass sich aus der Existenz, der Materialität und Transformationsfähigkeit von Dingen (vgl. Ingold 2007; Miller 2005) mehr als deren Funktionalität bzw. Nicht-mehr-Funktionalität (Müll), mehr als eingefrorene Handlungen oder kristallisierter Sinn ableiten lasse. Aus dieser Kritik an der idealistischen Weltsicht auf die Dinge sind alte Dingvorstellungen wie die „Brückenbedeutung von Dingen“ nach Jacob v. Uexküll rehabilitiert worden und neue Ideen zum Verständnis vom Dingsein (s.u.) entstanden. Schließlich kann nun gefragt werden: Gibt es jene Prämierung des Immateriellen noch, gab es sie überhaupt jemals? Und was sind Dinge, wenn wir sie von unseren Vorstellungen und Zuschreibungen entblößen?

Mit Verweis auf Bruno Latours (1998) Manifest von den Dingen als Akteure, die in Verbindung mit Subjekten zu Aktanten werden, oder Hartmut Böhmes (2006, 19) Ahnung von einer „Gesellschaft der Dinge“ einerseits und vor dem Hintergrund von Ding-Entwürfen als extended mind (Clark/Chalmers 1998) oder – nun wieder immateriell – Materialität als Netz von Bedeutungen (Hahn 2005) andererseits, möchten wir vor allem in eine Debatte darüber eintreten, wie archäologische Forschung jenseits von Dingtypologien als Basis der menschlichen Geschichte aussehen könnte. Im Angesicht des material turn erscheint uns die Archäologie als eine hauptsächlich am Menschen ausgerichtete historische Wissenschaft bedenkenswert, da sie die Dinge auf die Funktion eines Forschungsobjekts, das mit Nummern versehen, restauriert, analysiert, beschrieben, abgebildet, in einigen Fällen ausgestellt, ansonsten in archäologischen Archiven gelagert wird, reduziert und die Pluralität der Dinge ebenso missachtet wie die konstitutive Interaktion der Menschen mit den Dingen. Zu diskutieren sein wird also einerseits, inwieweit die Ur- und Frühgeschichte durch den material turn an Triebkraft für eine Wende gewinnen kann, nach der die Dinge stärker ins Forschungszentrum gerückt sind, ohne sich in der Praxis weiterhin in empirisch-antiquarischen Forschungen, d.h. in einer Sachlichkeit mit Objektkategorien wie nützlich, fremd, alt, selten etc. zu verlieren. Andererseits wird danach zu fragen sein, wie die Archäologien ihre Erfahrungen im Umgang mit Dingen an Disziplinen vermitteln können, die gerade erst im Begriff sind, sich dem Materiellen zuzuwenden. Daraus ergeben sich für uns folgende Themenkomplexe für die Tagung:

1. Selbstreflexion

Der Schwerpunkt unserer Sektion soll auf der Wechselwirkung zwischen dem material turn und der Ur- und Frühgeschichte liegen. In diesem Zusammenhang ist zuerst nach dem historischen und aktuellen Selbstverständnis unseres Faches in epistemologischer und theoretisch/methodischer Hinsicht zu fragen. Erst der wissenschaftsgeschichtliche Rückblick lässt schließlich mögliche Konsequenzen des material turn für die Ur- und Frühgeschichte erkennen und danach fragen, wie neue Ding- bzw. Materialitätskonzepte das Selbstverständnis der Ur- und Frühgeschichte als historische Wissenschaft verändern oder gegebenenfalls Anpassungen in der archäologischen Forschungspraxis vorgenommen werden müssten.

2. Optionen

Welche Dingkonzepte stehen aber überhaupt zur Diskussion? Wie geht man in anderen Geisteswissenschaften aktuell mit den Dingen um? Was bedeutet es konkret, die Dinge aus einer neomarxistischen, phänomenologischen, konstruktivistischen oder posthumanistischen Perspektive zu betrachten? Und schließlich, was wären archäologische Dinge im Spiegel der jeweiligen Konzepte? Um diese Fragen beantworten zu können, bitten wir dezidiert um Redebeiträge aus anderen Disziplinen.

Gleichzeitig möchten wir nicht nur nehmen, sondern auch geben. Die Ur- und Frühgeschichte und andere Archäologien beschäftigen sich explizit mit materiellen Hinterlassenschaften. Sie können von unzähligen Versuchen berichten, Dinge verfüg- und begreifbar zu machen und über die Herausforderungen sprechen, sich den Dingen mit ihrem Eigensinn und ihrer Tücke zu nähern. Aus dieser Annäherung sind dichte Beziehungsgefüge zwischen den archäologischen Artefakten und den archäologisch Forschenden entstanden. Wie können diese Beziehungen benannt werden? Als archäologischer Objektfetischismus, Subjekt-Artefakt-Hybride (z.B. Schwertforscher_innen) oder gar als Trans-Ding-Menschen unterschiedlichster Ausprägung? Und wie steht es um geliebte und ignorierte Dinge zum Beispiel auch in Abhängigkeit zur geschlechtlichen Identität der Forschenden oder der Dinge? Inwieweit haben die Dinge unsere Forschung und Forschungsergebnisse beeinflusst? Welche speziellen Umgangs- und Wahrnehmungspraktiken haben wir in der Interaktion mit den archäologischen Dingen ausgebildet? Und sind diese über workplace studies, eine Ethnographie der Ur- und Frühgeschichte oder eine dingorientierte Soziologie dingfest zu machen?

3. Perspektiven

Abschließend soll sich unser Blick auf die Perspektiven richten. Beispielsweise ist danach zu fragen, ob sich Sammlungen und Museen noch länger mit der Konservierung und Restitution von Spuren und Zeugen für tot erklärter Kulturen begnügen können, oder ob die bisher nur gesammelten, erforschten und ausgestellten Zeugen nicht vielmehr auch deutlich sichtbar zu aktiven Elementen gegenwärtiger und zukünftiger Gesellschaften erklärt werden sollten? Hierzu sind Redebeiträge willkommen, die sich mit alternativen Konzepten der zur Schaustellung von und subjektiven Interaktion mit historischen Objekten befassen. Besonders wünschenswert wären zudem Vorträge, die nonkonformistische Typologien und Chronologien vorstellen, die Geschichte anders darstellen.

Wir bitten bis zum 31.01.2013 um einen Vortragstitel mit Abstrakt (ca. 250 Wörter). Der Vortrag sollte sich auf mindestens einen der genannten Themenbereiche bezieht. Gern nehmen wir auch Poster insbesondere zum Thema workplace studies an, auf denen Forschungspraktiken in Interaktion mit archäologischen Dingen oder Dingen des Arbeitsalltags gezeigt und beschrieben werden. Außerdem rufen wir dazu auf, in Kurzbeiträgen geliebte oder auch gehasste Dinge wissenschaftlicher Tätigkeit dem Publikum materiell vorzustellen!

(1) Die Angaben zum AAS sind der homepage des Landesamts für Archäologie Sachsen entnommen. Siehe hierzu: www.archaeologie.sachsen.de/3676.htm [letzter Zugriff: 28.07.2012].

Literatur:

Böhme 2006: Hartmut Böhme, Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne (Hamburg 2006).

Clark/Chalmers 1998: Andy Clark/David Chalmers, The extended mind. Analysis 58, 1998, 7-19.

Hahn 2005: Hans Peter Hahn, Materielle Kultur. Eine Einführung (Berlin 2005).

Hicks/Beaudry 2010: Dan Hicks/Mary C. Beaudry (Hrsg.), The Oxford Handbook of Material Culture Studies (Oxford 2010).

Ingold 2007: Tim Ingold, Materials against Materiality. In: Archaeological Dialogues 14, 2007, 1–16.

König 2005: Gudrun M. König (Hrsg.), Alltagsdinge, Erkundungen der materiellen Kultur. Studien & Materialien des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen 27 (Tübingen 2005) 117-126.

Latour 1998: Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie (Frankfurt a. M. 1998).

Miller 2005: Daniel Miller, Materiality: An Introduction. In: Ders. (Hrsg.), Materiality (Durham, London 2005) 1–50.

Veit u.a. 2003: Ulrich Veit/Tobias Kienlin/Christoph Kümmel/Sascha Schmidt, Spuren und Botschaften: Interpretationen materieller Kultur. Tübinger Arch. Taschenb. 4 (Münster 2003).

CfP „Kulturerbe = Kulturpflicht?“

Kulturerbe = Kulturpflicht

Theoretische Reflexionen zum Umgang mit archäologischen Orten in Deutschland

 

Sektion der AG Theorien in der Archäologie und des AKs „Archäologie kann Gesellschaft“ i. Gr. bei der 81. Verbandstagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschungvom 29. Mai bis 2. Juni 2012 in Friedrichshafen CfP „Kulturerbe = Kulturpflicht?“ weiterlesen

CfP „Zeitkonzepte – Zeiterfahrung – Zeitgeist“

As time goes by: Zeitkonzepte – Zeiterfahrung – Zeitgeist.

Sektion der Theorie-AG am 7. Deutschen Archäologenkongress 2011 in Bremen (3.-4.Oktober 2011)

„Zeiterfahrung gehört zu den Grundgegebenheiten des Menschseins. Der Mensch erfährt Zeit im Wandel und in den Tiefen seiner Selbst, als Fluch der Natur und als Leistung seines Geistes. Er kann die Zeit nicht so lassen, wie sie ihm geschieht… Indem er sich kulturell deutend mit ihr auseinandersetzt, erhebt er sich über die Zeit, versucht sie zu bannen und zu beherrschen, aber immer bleibt er ihrem Wandel unterworfen.“

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Call for papers „Jagen, Kämpfen, Saufen?“

Jagen, Kämpfen, Saufen?
Die Konstruktion von Männlichkeit in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften

Call for papers für die Sitzung der Arbeitsgemeinschaft „Theorie in der Archäologie“ während der Tagung des West- und Süddeutschen Altertumsverbandes
vom 25. bis 28. Mai 2010 in Nürnberg
Seit den 1980er Jahren wird die gesellschaftliche Rolle von Frauen in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften hinterfragt (Conkey/Spector 1984). Vor allem von feministischer Seite gibt es seitdem substantielle Bemühungen, die Frau nicht als passive Partnerin des Mannes, sondern als eigenständiges Subjekt mit eigenen Handlungsoptionen ausgestattet zu denken. Demgegenüber bleibt die Konzeptualisierung der Rolle des Mannes in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften seltsam einseitig. Man könnte sie auf die Stereotype „Jagen, Kämpfen, Saufen“ reduzieren. Erstaunlicherweise gilt dies sowohl für eher traditionelle Beiträge wie auch für explizit theoretisch ausgerichtete. Ist in unseren Rekonstruktionen ur- und frühgeschichtlicher Gesellschaften Platz für ein differenziertes Bild von Männlichkeit? Oder sind wir in biologistisch determinierten Stereotypen gefangen?

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