Kategorie-Archiv: Call for Papers

CfP: Theory on stage. Das Museum als Diskursraum archäologischer Theorie? Eine Sektion der AG Theorien in der Archäologie

Die AG TidA wird wieder eine Sektion auf der nächsten MOVA/WSVA-Tagung in Chemnitz (29.3.-1.4.2016) ausrichten und wir suchen spannende Vorträge zu u.a. folgenden Fragen:
 
Welche Theorien und Konzepte liegen implizit und explizit den Ausstellungsnarrativen archäologischer Museen zu Grunde? Welche und wessen Geschichte wird mit welchen Mitteln erzählt? Ist archäologische Theorie für das Praxisfeld Museum überhaupt relevant? Sollen/dürfen/müssen wir die theoretischen Vorannahmen für die Besucher_innen explizit machen? In welchem Verhältnis steht die archäologische Theorie, die auf die Inhalte fokussiert, zur Museumstheorie die die Form der Präsentation und die Besucher_innen (Akquise, Partizipation, Inklusion, Evaluationsverfahren, Public Engagement etc.) im Blick hat. Wie können Ausstellungen aussehen, die die Diskussion um theoretische Konzepte im Fach Archäologie und aktuelle gesellschaftsrelevante Themen wie Migration, Postkolonialismus, Ethik etc. mit einschließen und das Museum damit zum offenen Diskursraum archäologischer und kulturhistorischer Theorie sowie sozialpolitischer Realitäten werden lässt?
 
Wir hoffen auf Eure Teilnahme und Interesse und bitten Euch auch, das CfP an Kolleg*innen weiterzuleiten.
Den vollständigen Call for Paper (Deadline 6.1.2016) gibt es hier: Call for papers_MOVA2016_AG-TidA

CfP „Ausstellungen zur Ur- und Frühgeschichte im kurzen 20. Jahrhundert“ der AG Wissenschaftsgeschichte (MOVA/WSVA 2016 in Chemnitz)

Wir möchten auf den nächsten Workshop der AG Wissenschaftsgeschichte der Ur- und Frühgeschichte aufmerksam machen. Der Workshop findet unter dem Thema „Ausstellungen zur Ur- und Frühgeschichte im kurzen 20. Jahrhundert“ im Rahmen der gemeinsamen Tagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbands für Altertumskunde e.V. (MOVA) und des West- und Süddeutschen Verbands für Altertumsforschung e.V. (WSVA) vom 29. März bis 1. April 2016 in Chemnitz statt.

Alle Interessent*innen sind aufgerufen sich an dem Workshop zu beteiligen. Dies gilt vor allem auch für Nachwuchswissenschaftler*innen, denen hier Gelegenheit gegeben werden soll, ihre Projekte vorzustellen.

Der Call for Paper (Deadline 18.12.2015) als PDF: CfP_MOVA_Chemnitz_2016_AGWG

CfP: Gesellschaften der Städte, Gesellschaften der Zelte. Architektonische Modi der kollektiven Existenz im Kulturen-Vergleich

Am 26.-27. Februar findet in Wuppertal ein u.a. durch Heike Delitz organisierter Workshop zwischen Soziologie, Ethnologie, Archäologie (u.a.m.) statt. Wir freuen uns besonders über die explizite Einbindung der Archäologie und möchten Euch daher auffordern, Euch hier einzubringen

Die Deadline für die Beitragseinsendungen ist der 30.11.2015.

Der Call for Paper als PDF: cfp Kulturenvergleichende Architektursoziologie

CFP Ordnungen des Wissens

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Theorie-AG (AG TidA e.V.) wird in Zusammenarbeit mit dem Forum Archäologie in Gesellschaft (FAiG) eine Sektion auf dem Deutschen Archäologiekongress 2014 gestalten. Bitte finden Sie folgend den Call for Papers zum Thema „Ordnungen des Wissens – Disziplinäre Macht im archäologischen Diskurs“.
Da die Zeit etwas drängt, würden wir uns über baldige Rückmeldungen
und Vortragsvorschläge sehr freuen.

Mit herzlichen Grüßen
Karin Reichenbach und Thomas Meier

Call for Papers

„Ordnungen des Wissens – Disziplinäre Macht im archäologischen Diskurs“

Sektion der AG Theorien in der Archäologie (AG TidA e.V.) und des Forums Archäologie in Gesellschaft (FAiG) beim 8. Deutschen Archäologiekongress, 6.-10. Oktober 2014 in Berlin

„Es ist immer möglich, daß man im Raum eines wilden Außen die Wahrheit sagt; aber im Wahren ist man nur, wenn man den Regeln einer diskursiven ‘Polizei’ gehorcht, die man in jedem seiner Diskurse reaktivieren muss.
Die Disziplin ist ein Kontrollprinzip der Produktion des Diskurses. […] Gewöhnlich sieht man in der Fruchtbarkeit eines Autors, in der Vielfältigkeit der Kommentare, in der Entwicklung einer Disziplin unbegrenzte Quellen für die Schöpfung von Diskursen. Vielleicht. Doch ebenso handelt es sich um Prinzipien der Einschränkung, und wahrscheinlich kann man sie in ihrer positiven und fruchtbaren Rolle nur verstehen, wenn man ihre restriktive und zwingende Funktion betrachtet” (Foucault 1972 [1993], 25).

Mit Michel Foucaults inzwischen deutlich verfeinertem diskurstheoretischen Ansatz nebst Werkzeugkasten und vor allem seiner betont machtkritischen Perspektive lässt sich auch für die deutschsprachige Archäologie die Frage aufwerfen, welches archäologische Wissen innerhalb des Faches als wissenschaftlich, als – um es mit Foucault zu sagen – „im Wahren“ gilt, und welches ausgeschlossen ist, und besonders wodurch diese Zuschreibungen entstehen. Wodurch und von wem wird bestimmt, was gedacht/gesagt/getan werden darf, und was geschwiegen werden muss. Wie werden Wissen und seine Objekte, die nicht „im Wahren” sind, ausgegrenzt und zum Schweigen gebracht: „What silences us?“, wie John Barrett bei einem Round Table zu diesem Thema 2013 in Pilsen fragte (Meier/Reichenbach im Druck).
Neben dem Charakter herrschender disziplinärer Diskursordnungen, ihrem Gewachsensein und ihrer (möglichen) Abhängigkeit von außerfachlichen Wirkmächten geht es uns auch um Orte und Strategien der (Re)Produktion von „wahrem” Wissen bzw. der Saktionierung oder des Zum-Schweigen-Bringens „unwahren” Wissens. Wir möchten ein Nachdenken über die Mechanismen disziplinärer Macht anstoßen und zur Diskussion stellen, ob wir nicht tagtäglich durch das Befolgen und damit verbundene Aufrechterhalten der disziplinären Diskursordnung(en) dazu beitragen, nicht-konformes Wissen von vornherein abzuwehren und auf diese Weise nur Mainstream zu erzeugen, und schlimmer noch: neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu verhindern?

Wir bitten um Vortragsvorschläge für folgende Themenblöcke:
1. Wie wirkt die (Selbst)Verortung der Archäologie in Gesellschaft und Wissenschaft diskursprägend: Welche wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurse bestimmen das Wissenschaftsideal der Archäologie(n), wo verortetet sich das Fach in den Wissenschaften/der Wissenschaftslandschaft allgemein, welche Ansprüche werden an „Wissenschaftlichkeit” und „Wahrheit” bzw. welche Bedingungen an ein „Im-Wahren-Sein” gestellt.
Seit der „naturwissenschaftlichen“ Wende der Geisteswissenschaften im späteren 19. Jahrhundert muss archäologisches Wissen (auch?) naturwissenschaftlich erscheinendes/präsentiertes Wissen sein. Wir denken etwa an die Erwartungshaltung, mit naturwissenschaftlichen Methoden kulturwissenschaftliche Fragestellungen klären zu können.
Das Cartesische Weltbild als dominante Sicht auf die Welt der europäischen Moderne (Ingold 1993) erschwert nicht nur die Rezeption phänomenologischer, sondern auch sozial-konstruktivistischer Ansätze (Bender 1998; Cosgrove 2004, 58). Der zunehmende Einsatz von GIS-Analysen verstärkt diesen Trend bereits durch die Wahl des Werkzeugs.
Die positivistische Überzeugung, das Material sei die Basis allen Wissens, und aus ihr heraus lasse sich induktiv die wahre Vergangenheit rekonstruieren, wird durch dominante Strömungen des new materialism bzw. material turn (z.B. Latour, Gumbrecht) mit aktualistischer Theorie aufgepeppt und sorgt für neues Selbstbewusstsein, materielle Kultur „aus sich heraus“ zu interpretieren.
Entgegen dem Trend zur Vernaturwissenschaftlichung der Geisteswissenschaften führt die gesellschaftliche Fixierung auf Schrift als Träger „wahrer“ Information dazu, dass Archäologien in historischen Epochen nicht ohne Schriftquellenbezug arbeiten wollen/dürfen, während Historikerinnen und Historiker dieser Epochen kein zwingendes Bedürfnis verspüren, ihre Interpretationen mit archäologischem Wissen abzugleichen.
Archäologisches Wissen ist konzeptionell (als Kulturtechnik) weißes, männliches, (west)europäisches Wissen, und es baut auf einem Bildungskanon der Mittelschicht auf (Bildungsbürgertum) (z.B. Berg 2001). Alle diese Aspekte werden durch die Struktur archäologischen Wissens unterstützt und legitimiert, sie dominieren andere kulturelle Formen historischer materieller Erinnerung. Doch außer dem Gender-Aspekt werden in der deutschen Archäologie andere Privilegierungen und Ausgrenzungen kaum thematisiert.

2. In welche Teildiskurse werden gültiges archäologisches Wissen und Wahrheiten z. B. in den Bereichen Universität, Museum und Bodendenkmalpflege aufgefächert, wie unterscheiden sie sich? Wo wird das sichtbar und wie/warum entstehen Unterschiede?

3. Ordnungshüter, Machtbewahrer – Wer und was hält Diskursordnungen aufrecht? Wie und wo lassen sich Diskursordnungen als/und disziplinäre Machtstrukturen offenbaren, also wo sind die – mit Foucault – Dispositive als „institutionalisierte infrastrukturelle Momente und Maßnahmebündel” freizulegen, die Diskurse reproduzieren und vollziehen und somit Diskursmacht ausüben (Keller 2004, 63). Derartige Strukturen, in denen Diskursordnungen sichtbar oder gegenständlich werden, könnten beispielsweise Peer Review- und andere Begutachtungsverfahren, akademische Rituale und Verfahren, Schulenbildung und Zitierkartelle nebst Sprachbarrieren, Gender- und Political Correctness-Vorgaben, der Druck, sich an interdisziplinären Forschungsverbünden zu beteiligen, „Exzellenzstalinismus“ und „Evaluierungsbuchhaltung” (Weichhardt 2012) u.ä. sein. Dabei geht es nicht darum, diese Verfahren grundsätzlich nur unter dem Aspekt der Machtausübung zu verstehen, doch ist zu fragen, wie sie als taugliche Mittel der Wissenschaftlichkeit konzipiert werden können, ohne zugleich machtvolle Diskurse zu (re-)produzieren.

4. Und schließlich, welche Effekte und Auswirkungen auf die Arbeit des Faches bewirken die Diskurse, also wie wirken sich Diskursordnungen auf archäologisches Analysieren, Interpretieren und Erzählen aus: Wir denken an konkrete Fallbeispiele, in denen sich die Diskursordnungen, unter denen eine archäologische Interpretation entstand, in der historischen Interpretation selber widerspiegelt.

Wir erbitten Vorschläge mit kurzem Abstract (max. 15 Zeilen) bis 15. April an Karin Reichenbach (reichenbach@uni-leipzig.de) und/oder Thomas Meier (thomas.meier@zaw.uni-heidelberg.de). Je nach thematischem Schwerpunkt stellen wir uns „normale“ Vorträge (ca. 20 Minuten, kürzere Diskussion) oder stimulierende Kurzbeiträge (max. 10 Minuten, 20 Minuten Diskussion) vor.

Barbara Bender, Stonehenge. Making space (Oxford/New York 1998).
Lawrence D. Berg, Masculinism, Emplacement and Positionality in Peer Review. The Professional Geographer 53:4, 2001, 511-521.
Denis Cosgrove, Landscape and Landschaft. German Historical Institute Bulletin 35, 2004, 57-71.
Michel Foucault: L’ordre du discours = Inauguralvorlesung am Collège de France 1970 (Paris 1972) [wir zitieren nach der deutschen Ausgabe: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/Main, 1993].
Tim Ingold, Globes and Spheres. The Topology of Environmentalism. In: Kay Milton (Hrsg.), Environmentalism: The View from Anthropology (London 1993) 31-42.
Reiner Keller, Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen (Opladen 2004).
Thomas Meier/Karin Reichenbach, Orders of Knowledge. Disciplinary Powers in the Archaeological Discourse. Round Table Report TEA (im Druck).
Peter Weichart, „Slow Science“ versus Exzellenzstalinismus. Vom Nutzen wissenschaftlicher Reflexionen abseits der Evaluierungsbuchhaltung. In: Marc Michael Seebacher (Hrsg.), Raumkonstruktionen in der Geographie. Eine paradigmenspezifische Darstellung gesellschaftlicher und fachspezifischer Konstruktions-, Rekonstruktions- und Dekonstruktionsprozesse. Unter Mitarbeit von Peter Weichhart. Abhandlungen zur Geographie und Regionalforschung 14 (Wien 2012) 7-38.

Reise in den Norden?!

Im kommenden Jahr findet vom 22. bis 26. April 2014 die Nordic TAG statt. Austragungsort der fourteenth Nordic Theoretical Archaeology Group Conference ist das Department of Archaeology and Classical Studies an der Universität Stockholm. Für diejenigen, die aktiv teilnehmen möchten, besteht noch bis zum 15. Dezember die Gelegenheit, sich mit einem Vortrag anzumelden. Die Liste der Sessions und die call for papers sind hier einzusehen.

Wir möchten besonder auf folgende session aufmerksam machen, für die man sich ebenfalls noch mit einem Vortrag anmelden kann:

 „Good fences make good neighbours: Informing notions of colony, nation and empire in a northern context.“

This session aims at focusing on how we interpret past social and political structures and boundaries, and the role played by archaeological evidence in informing our interpretations of past identities. We invite contributions from scholars from any discipline who have interest in theorizing past social structures, and especially those who wish to discuss ways in which materials remains may alter notions of past social and political structures as well as our methods for establishing them.

 

Abstracts for papers (150 words max.) may be sent to Tessa de Roo (session organizer) tfd22@cam.ac.uk before December 15, 2013.

 

Czech-TAG

ACHTUNG: Premiere! Vom 3. bis 4. März 2014 findet in Pilsen, Westböhmen die 1. Konferenz der tschechischen TAG statt. Unter dem Thema „The meaning of things: artefacts and narratives“ sind Vorträge erwünscht, in denen sich die Referent_innen mit den großen, uns alle interessierenden Fragen auseinandersetzen. Näheres hierzu im Call for Papers. Für Vortragsanmeldungen bitte das Anmeldeformular benutzen.

Nach den Angaben der Veranstalter_innen wird die Czech-TAG in Zukunft jährlich stattfinden. Ziel soll sein, eine nachhaltige theorieorientierte Diskussion in der archäologischen Forschung auf nationaler und europäischer Ebene zu etablieren.

Wir wünschen schon jetzt einen guten Start!

CfP: Massendinghaltung in der Archäologie

Der material turn und die Ur- und Frühgeschichte

Tagung der Arbeitsgemeinschaft Theorien in der Archäologie e.V. (AG TidA); organisiert von: Kerstin P. Hofmann, Thomas Meier, Doreen Mölders und Stefan Schreiber

23.–24. Mai 2013 im Topoi-Haus Dahlem

Als im Jahr 2002 das erst fünf Jahre zuvor bezogene, neu ausgebaute Depotgebäude des Archäologischen Archivs Sachsen (AAS) einen Erweiterungsbau erhielt, wurde Platz geschaffen für die 18 Millionen Einzelobjekte, die im Freistaat Sachsen seit dem 18. Jh. gesammelt und ausgegraben wurden (1). Bei einer jährlichen Zuwachsrate von 250.000 bis 300.000 Objekten dürfte die Gesamtlagerfläche von 9200 m², die sich über eine 5,50 m hohe, elektrisch betriebene Kompaktregalanlage mit vier Regalblöcken erstreckt, in absehbarer Zeit wieder belegt sein. Auch die Objektnummern in den Fundarchiven anderer Bundesländer liegen im zweistelligen Millionenbereich (z.B. Sachsen-Anhalt mit 11 Millionen und Schleswig-Holstein mit 10 Millionen Einzelfunden). Angesichts dieser Zahlen muss gefragt werden könnte, ob eine Archäologie, die eine „Population von Dingen“ vergangener Lebenswelten, um mit Böhme (2006) zu sprechen, als Stapelware auf Paletten in Magazinen unterbringt, eine Institution der Massendinghaltung ist? Und, so müsste man weiter fragen, wird eine archäologische Praxis, deren institutionelle Pflicht es ist, kulturelles Erbe zu schützen, den Dingen gerecht? Andererseits, was meinen wir überhaupt, wenn wir nach dem Ding und seinen Rechten fragen? Hierauf Antworten zu finden und gleichzeitig eine Idee davon zu vermitteln, worauf wir mit unserer Tagung unter dem Haupttitel „Massendinghaltung in der Archäologie“ hinauswollen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf den erkenntnistheoretischen Diskurs der material culture studies lenken (s. u.a. Hicks/Beaudry 2010).

Auch wenn im Gegensatz zu den angloamerikanischen Wissensräumen das gegenwärtig vielbeschworene Interesse an den Dingen in Deutschland bisher kaum seinen institutionellen Ausdruck gefunden hat, so ist doch in den letzten beiden Jahrzehnten auch hierzulande eine deutliche Zunahme an Dingliteratur zu verzeichnen (s. mit weiterführender Literatur: Böhme 2006; Hahn 2005; König 2005; Veit u.a. 2002); und spätestens nachdem das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2012 das Thema „Die Sprache der Dinge“ zur Etablierung eines neuen Forschungsschwerpunktes aufgegriffen hat, scheint die Rede von einem material turn durchaus berechtigt.

Wie sind die Dinge aus einer gewendeten Perspektive aber nun zu betrachten? Zuvorderst weisen die neuen Dingexpertisen – auf die Vernachlässigung und Unterschätzung materieller Kultur hin. Die Prämierung des Immateriellen in der europäischen Geistesgeschichte habe zu einer Asymmetrie zwischen den Menschen und den Dingen geführt, die es kaum möglich mache, die Bedeutung der Gegenstände zu erkennen, so bspw. Hans Peter Hahn (2005, 7). Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass sich aus der Existenz, der Materialität und Transformationsfähigkeit von Dingen (vgl. Ingold 2007; Miller 2005) mehr als deren Funktionalität bzw. Nicht-mehr-Funktionalität (Müll), mehr als eingefrorene Handlungen oder kristallisierter Sinn ableiten lasse. Aus dieser Kritik an der idealistischen Weltsicht auf die Dinge sind alte Dingvorstellungen wie die „Brückenbedeutung von Dingen“ nach Jacob v. Uexküll rehabilitiert worden und neue Ideen zum Verständnis vom Dingsein (s.u.) entstanden. Schließlich kann nun gefragt werden: Gibt es jene Prämierung des Immateriellen noch, gab es sie überhaupt jemals? Und was sind Dinge, wenn wir sie von unseren Vorstellungen und Zuschreibungen entblößen?

Mit Verweis auf Bruno Latours (1998) Manifest von den Dingen als Akteure, die in Verbindung mit Subjekten zu Aktanten werden, oder Hartmut Böhmes (2006, 19) Ahnung von einer „Gesellschaft der Dinge“ einerseits und vor dem Hintergrund von Ding-Entwürfen als extended mind (Clark/Chalmers 1998) oder – nun wieder immateriell – Materialität als Netz von Bedeutungen (Hahn 2005) andererseits, möchten wir vor allem in eine Debatte darüber eintreten, wie archäologische Forschung jenseits von Dingtypologien als Basis der menschlichen Geschichte aussehen könnte. Im Angesicht des material turn erscheint uns die Archäologie als eine hauptsächlich am Menschen ausgerichtete historische Wissenschaft bedenkenswert, da sie die Dinge auf die Funktion eines Forschungsobjekts, das mit Nummern versehen, restauriert, analysiert, beschrieben, abgebildet, in einigen Fällen ausgestellt, ansonsten in archäologischen Archiven gelagert wird, reduziert und die Pluralität der Dinge ebenso missachtet wie die konstitutive Interaktion der Menschen mit den Dingen. Zu diskutieren sein wird also einerseits, inwieweit die Ur- und Frühgeschichte durch den material turn an Triebkraft für eine Wende gewinnen kann, nach der die Dinge stärker ins Forschungszentrum gerückt sind, ohne sich in der Praxis weiterhin in empirisch-antiquarischen Forschungen, d.h. in einer Sachlichkeit mit Objektkategorien wie nützlich, fremd, alt, selten etc. zu verlieren. Andererseits wird danach zu fragen sein, wie die Archäologien ihre Erfahrungen im Umgang mit Dingen an Disziplinen vermitteln können, die gerade erst im Begriff sind, sich dem Materiellen zuzuwenden. Daraus ergeben sich für uns folgende Themenkomplexe für die Tagung:

1. Selbstreflexion

Der Schwerpunkt unserer Sektion soll auf der Wechselwirkung zwischen dem material turn und der Ur- und Frühgeschichte liegen. In diesem Zusammenhang ist zuerst nach dem historischen und aktuellen Selbstverständnis unseres Faches in epistemologischer und theoretisch/methodischer Hinsicht zu fragen. Erst der wissenschaftsgeschichtliche Rückblick lässt schließlich mögliche Konsequenzen des material turn für die Ur- und Frühgeschichte erkennen und danach fragen, wie neue Ding- bzw. Materialitätskonzepte das Selbstverständnis der Ur- und Frühgeschichte als historische Wissenschaft verändern oder gegebenenfalls Anpassungen in der archäologischen Forschungspraxis vorgenommen werden müssten.

2. Optionen

Welche Dingkonzepte stehen aber überhaupt zur Diskussion? Wie geht man in anderen Geisteswissenschaften aktuell mit den Dingen um? Was bedeutet es konkret, die Dinge aus einer neomarxistischen, phänomenologischen, konstruktivistischen oder posthumanistischen Perspektive zu betrachten? Und schließlich, was wären archäologische Dinge im Spiegel der jeweiligen Konzepte? Um diese Fragen beantworten zu können, bitten wir dezidiert um Redebeiträge aus anderen Disziplinen.

Gleichzeitig möchten wir nicht nur nehmen, sondern auch geben. Die Ur- und Frühgeschichte und andere Archäologien beschäftigen sich explizit mit materiellen Hinterlassenschaften. Sie können von unzähligen Versuchen berichten, Dinge verfüg- und begreifbar zu machen und über die Herausforderungen sprechen, sich den Dingen mit ihrem Eigensinn und ihrer Tücke zu nähern. Aus dieser Annäherung sind dichte Beziehungsgefüge zwischen den archäologischen Artefakten und den archäologisch Forschenden entstanden. Wie können diese Beziehungen benannt werden? Als archäologischer Objektfetischismus, Subjekt-Artefakt-Hybride (z.B. Schwertforscher_innen) oder gar als Trans-Ding-Menschen unterschiedlichster Ausprägung? Und wie steht es um geliebte und ignorierte Dinge zum Beispiel auch in Abhängigkeit zur geschlechtlichen Identität der Forschenden oder der Dinge? Inwieweit haben die Dinge unsere Forschung und Forschungsergebnisse beeinflusst? Welche speziellen Umgangs- und Wahrnehmungspraktiken haben wir in der Interaktion mit den archäologischen Dingen ausgebildet? Und sind diese über workplace studies, eine Ethnographie der Ur- und Frühgeschichte oder eine dingorientierte Soziologie dingfest zu machen?

3. Perspektiven

Abschließend soll sich unser Blick auf die Perspektiven richten. Beispielsweise ist danach zu fragen, ob sich Sammlungen und Museen noch länger mit der Konservierung und Restitution von Spuren und Zeugen für tot erklärter Kulturen begnügen können, oder ob die bisher nur gesammelten, erforschten und ausgestellten Zeugen nicht vielmehr auch deutlich sichtbar zu aktiven Elementen gegenwärtiger und zukünftiger Gesellschaften erklärt werden sollten? Hierzu sind Redebeiträge willkommen, die sich mit alternativen Konzepten der zur Schaustellung von und subjektiven Interaktion mit historischen Objekten befassen. Besonders wünschenswert wären zudem Vorträge, die nonkonformistische Typologien und Chronologien vorstellen, die Geschichte anders darstellen.

Wir bitten bis zum 31.01.2013 um einen Vortragstitel mit Abstrakt (ca. 250 Wörter). Der Vortrag sollte sich auf mindestens einen der genannten Themenbereiche bezieht. Gern nehmen wir auch Poster insbesondere zum Thema workplace studies an, auf denen Forschungspraktiken in Interaktion mit archäologischen Dingen oder Dingen des Arbeitsalltags gezeigt und beschrieben werden. Außerdem rufen wir dazu auf, in Kurzbeiträgen geliebte oder auch gehasste Dinge wissenschaftlicher Tätigkeit dem Publikum materiell vorzustellen!

(1) Die Angaben zum AAS sind der homepage des Landesamts für Archäologie Sachsen entnommen. Siehe hierzu: www.archaeologie.sachsen.de/3676.htm [letzter Zugriff: 28.07.2012].

Literatur:

Böhme 2006: Hartmut Böhme, Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne (Hamburg 2006).

Clark/Chalmers 1998: Andy Clark/David Chalmers, The extended mind. Analysis 58, 1998, 7-19.

Hahn 2005: Hans Peter Hahn, Materielle Kultur. Eine Einführung (Berlin 2005).

Hicks/Beaudry 2010: Dan Hicks/Mary C. Beaudry (Hrsg.), The Oxford Handbook of Material Culture Studies (Oxford 2010).

Ingold 2007: Tim Ingold, Materials against Materiality. In: Archaeological Dialogues 14, 2007, 1–16.

König 2005: Gudrun M. König (Hrsg.), Alltagsdinge, Erkundungen der materiellen Kultur. Studien & Materialien des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen 27 (Tübingen 2005) 117-126.

Latour 1998: Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie (Frankfurt a. M. 1998).

Miller 2005: Daniel Miller, Materiality: An Introduction. In: Ders. (Hrsg.), Materiality (Durham, London 2005) 1–50.

Veit u.a. 2003: Ulrich Veit/Tobias Kienlin/Christoph Kümmel/Sascha Schmidt, Spuren und Botschaften: Interpretationen materieller Kultur. Tübinger Arch. Taschenb. 4 (Münster 2003).

CfP „Kulturerbe = Kulturpflicht?“

Kulturerbe = Kulturpflicht

Theoretische Reflexionen zum Umgang mit archäologischen Orten in Deutschland

 

Sektion der AG Theorien in der Archäologie und des AKs „Archäologie kann Gesellschaft“ i. Gr. bei der 81. Verbandstagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschungvom 29. Mai bis 2. Juni 2012 in Friedrichshafen CfP „Kulturerbe = Kulturpflicht?“ weiterlesen

CfP „Zeitkonzepte – Zeiterfahrung – Zeitgeist“

As time goes by: Zeitkonzepte – Zeiterfahrung – Zeitgeist.

Sektion der Theorie-AG am 7. Deutschen Archäologenkongress 2011 in Bremen (3.-4.Oktober 2011)

„Zeiterfahrung gehört zu den Grundgegebenheiten des Menschseins. Der Mensch erfährt Zeit im Wandel und in den Tiefen seiner Selbst, als Fluch der Natur und als Leistung seines Geistes. Er kann die Zeit nicht so lassen, wie sie ihm geschieht… Indem er sich kulturell deutend mit ihr auseinandersetzt, erhebt er sich über die Zeit, versucht sie zu bannen und zu beherrschen, aber immer bleibt er ihrem Wandel unterworfen.“

CfP „Zeitkonzepte – Zeiterfahrung – Zeitgeist“ weiterlesen

Call for papers „Jagen, Kämpfen, Saufen?“

Jagen, Kämpfen, Saufen?
Die Konstruktion von Männlichkeit in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften

Call for papers für die Sitzung der Arbeitsgemeinschaft „Theorie in der Archäologie“ während der Tagung des West- und Süddeutschen Altertumsverbandes
vom 25. bis 28. Mai 2010 in Nürnberg
Seit den 1980er Jahren wird die gesellschaftliche Rolle von Frauen in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften hinterfragt (Conkey/Spector 1984). Vor allem von feministischer Seite gibt es seitdem substantielle Bemühungen, die Frau nicht als passive Partnerin des Mannes, sondern als eigenständiges Subjekt mit eigenen Handlungsoptionen ausgestattet zu denken. Demgegenüber bleibt die Konzeptualisierung der Rolle des Mannes in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften seltsam einseitig. Man könnte sie auf die Stereotype „Jagen, Kämpfen, Saufen“ reduzieren. Erstaunlicherweise gilt dies sowohl für eher traditionelle Beiträge wie auch für explizit theoretisch ausgerichtete. Ist in unseren Rekonstruktionen ur- und frühgeschichtlicher Gesellschaften Platz für ein differenziertes Bild von Männlichkeit? Oder sind wir in biologistisch determinierten Stereotypen gefangen?

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