CfP «Konstruktiv, kritisch, kontrovers – Archäologische Denkwerkzeuge in aktuellen Diskussionen»

Swiss TAG und AG TidA laden ein zum World Café am  21.10.2022 über Zoom

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Die Theoriediskussionen in den Archäologien wurden nicht nur disziplinär, sondern in der Schweiz und Deutschland trotz thematischer Berührungspunkte bislang auch weitgehend unabhängig voneinander geführt. Für diesen Oktober planen wir daher ein gemeinsames digitales Event, in dem wir die Theoriediskussionen der Archäologien zusammenführen möchten. Zu dieser offenen Diskussionsrunde mit dem Titel «Konstruktiv, kritisch, kontrovers – Archäologische Denkwerkzeuge in aktuellen Diskussionen» laden die Swiss TAG und die AG TidA nun ganz herzlich ein.

Für die offene Diskussionsrunde wird das Format des World Cafés gewählt, welches sich in der Vergangenheit im Rahmen der Workshops der AG TidA bereits erfolgreich etabliert hat. Dieses bietet Theorieinteressierten, unabhängig vom akademischen Level, einen lockeren Rahmen, um aktuelle Theoriediskussionen der Archäologien aufzugreifen und diese unter neuen Aspekten zu betrachten. Dieses Format fördert über den partizipatorischen und explorativen Zugang die Diversität unseres Denkens, unserer Begriffe und unserer Konzepte und bietet eine Diskussionsplattform, die die Vernetzung der AG TidA und der Swiss TAG vorantreibt.

Unter dem Titel «Konstruktiv, kritisch, kontrovers – Archäologische Denkwerkzeuge in aktuellen Diskussionen» stehen in diesem World Café die Themen «Verflechtung und Vernetzung», «Handlung», «Digitalität», «Gender» und «Atmosphären» im Vordergrund der Diskussionen. Zusätzlich laden wir die Teilnehmer*innen dazu ein, eigene Themen auf den Tisch zu bringen.

Thema 1: Verflechtung und Vernetzung

In den letzten Jahren sind Verflechtungs- und Vernetzungsideen in verschiedenen Disziplinen, so auch in den Archäologien, en vogue. Dabei werden verschiedene Metaphern wie Assemblagen, Netzwerke, Meshwork, Mensch-Ding-Verflechtungen, Entanglement etc. verwendet. Diese werden teils sehr ähnlich, teils sehr unterschiedlich oder gar in Abgrenzung zueinander konzipiert. Einige davon sind explizit nicht anthropozentrisch bzw. posthumanistisch und berufen sich auf Konzepte wie «flache Ontologie», während andere das relationale Denken ausschliesslich auf menschliche Entitäten anwenden. In der Session «Verflechtungen und Vernetzungen» wollen wir versuchen, uns gemeinsam einen Überblick über den Begriffs-Dschungel zu verschaffen. Wir werden uns darüber austauschen, welche Begriffe uns bekannt sind, was sich die verschiedenen Teilnehmer*innen darunter vorstellen und auch was ihre jeweiligen Stärken oder Schwächen für zukünftige Forschungen sind.

Thema 2: Handlung

«Handeln» bildet eine Grundlage des menschlichen (Zusammen)Lebens, durch dessen Fluss sich alles Weitere ergibt. Dennoch wird in vielen archäologischen Theorien «Handlung» nicht explizit konzeptualisiert. Stattdessen wird implizit davon ausgegangen, dass Handeln grundsätzlich teleologisch, rational und normativ orientiert ist und individuell oder kollektiv erfolgen kann. Auch in den meisten Philosophien sowie in sozial- und kulturwissenschaftlichen Handlungs- und Praxistheorien wird Handlung nicht als beliebig oder zufällig erfolgend, sondern als sinnorientiert und zielgerichtet ablaufend konzeptualisiert. Das gilt für die meisten Handlungskonzepte, die in den vergangenen Dekaden auch in die Archäologie Eingang fanden, wie etwa Theorien zu «sozialer Praxis» und «agency». Inwiefern sind solche Handlungskonzepte tragfähig und erkenntnisbringend? Und wie können wir Handlung in der Archäologie heute konzeptualisieren, wenn wir neuere theoretische Debatten, wie etwa jene des Posthumanismus, der Materialitäts- und Verkörperungstheorien berücksichtigen? Wie verändert sich dabei unser Verständnis von zentralen Aspekte des Handelns, wie etwa von Intentionalität, Kreativität und Ethik? Gemeinsam werden wir dieses spannende theoretische Feld erkunden. Ausgangspunkte bilden dabei unsere eigenen Handlungserfahrungen, wobei uns die Besprechung grundlegender Begriffe als Orientierungshilfe dient und weiterführende Texte uns zu neuen Horizonten führen.

Thema 3: Digitalität

Zwar scheint Digitalität unsere Arbeit in Gegenwart und Zukunft immer stärker zu prägen und insbesondere den Methodenapparat zu verändern. Was aber damit eigentlich gemeint ist und welche wissenschaftlichen Folgen und Effekte damit einhergehen, ist noch weitgehend untertheoretisiert. So steht zu erwarten, dass künftig Datenerhebungen, Auswertungen, ja wissenschaftliche Texterzeugungen durch neue digitale Akteure durchgeführt, verändert oder zumindest stark beeinflusst werden. Zugleich fallen Ergebnisse immer singularisierter und granularer aus als bisherige durchschnittsbasierte Erkenntnisse. Welche erkenntnistheoretischen oder ontologischen Vorentscheidungen dafür aber getroffen werden und ob diese technisch-rationalen, interessensgesteuerten, ethischen oder pragmatischen Begründungen folgen, ob sich so nicht auch unser Verständnis des Untersuchungsgegenstandes ändert, all das gilt es theoretisch zu reflektieren. Wenn bisherige Vergangenheits(re)konstruktionen stark an bürgerliche Ideale des 19./20. Jh. angelehnt waren, wie verhalten sich dann heutige und zukünftige Vergangenheiten, die in digital(isiert)en Lebenswelten entworfen werden?

Thema 4: Gender

Genderforschung hat seit einiger Zeit scheinbar Konjunktur in den archäologischen Fächern. Dies legen zumindest vermehrte Studien zu Frauen und anderen Geschlechtern, die Verwendung von Genderformen im Text und das Interesse an einer «anderen» Perspektive in der jüngeren Forschung nahe. Doch sind wir tatsächlich schon angekommen in einer gleichberechtigten Archäologie? Sind Studien zu Gender und Transgender* tatsächlich aus ihrer einstigen Nische herausgetreten und bilden einen vollständig integrierten Teil archäologischer Forschung? Denken wir die Antike tatsächlich in mehr als nur binären Kategorien? Bieten feministische Perspektiven tatsächlich die gleichen Karrierechancen in einer Unikarriere? Oder sind wir nicht doch weiterhin dem «malestream» verhaftet? In dieser Session setzen wir uns kritisch mit Fragen zu Genderzuschreibungen, Stereotypen, geschlechter-spezifischer Nutzung von Raum, Rollenzuweisungen, Transgenderarchäologie, female agency und unserer eigenen Rolle als Forscher*innen auseinander. Gender ist dabei nicht als eine alleinstehende Kategorie, sondern als Prozess/Performanz zu verstehen, welche mit anderen sozialen, identitäts-formenden Kategorien analysiert werden muss. Gemeinsam erkunden wir den Methodenpluralismus der Genderforschung in den Archäologien und beleuchten die neuen Sichtweisen, die diese Perspektiven auf die archäologische Forschung bietet. Zudem reflektieren wir die Zugänge und Grenzen der Archäologien in Bezug auf Geschlechterrollen in der Antike.

Thema 5: Atmosphären Mit dem Spatial Turn wurde in den Sozial- und Kulturwissenschaften, aber auch der Stadt- und Religionsforschung sowie der Kunstgeschichte das Konzept der «Atmosphäre» für die Beschreibung des Raums und seiner nicht physikalischen Eigenschaften, wie beispielsweise der Fähigkeit Stimmung zu erzeugen, eingeführt (vgl. Gernot Böhme). Als unpersönliche, materialisierte Emotionen, Stimmungen, Affekte oder Auren bieten Atmosphären damit einen Zugang, der sich auch in den Archäologien für die Analyse räumlicher Arrangements eignet. Dabei wird die Körperlichkeit und die Lagebeziehungen der Umwelt und ihre unterschiedlichen Affizierungen mit der Vielzahl individueller und kultureller Wahrnehmungsschemata zusammengedacht. Wir möchten diskutieren, inwieweit das Konzept in den Archäologien tragfähig ist, und welche Möglichkeiten es bietet, aber auch wo wir Archäolog*innen an Grenzen stoßen. Steckt im Atmosphären-Konzept ein holistischer Ansatz, der quantitative Daten zum Befund und den Funden mit qualitativen Daten zur Wahrnehmung, den Emotionsräumen u. ä. ergänzt? Oder verbirgt sich womöglich ein Umweltdeterminismus darin, der eher die Forschungen in die falsche Richtung lenken könnte? Da Atmosphären auch bewusst erzeugt werden können, greifen wir hierdurch kulturell wahrnehmbare Schemata, die offen für Manipulation und ideologischer Einflussnahme sind? Können wir darüber sowohl Einflussfaktoren auf jeweilige Handlungs- und Praxisbündel sowie Emotionsräume erkennen?


Interessierte können sich per E-Mail bei swiss-tag@outlook.com bis zum 7.10.2022 anmelden und erhalten dann Zugang zum Zoomlink, der thematisch einführenden Literatur und später zu den Zusammenfassungen der Diskussionsrunden.   

Organisation: Raphael Berger, Caroline Heitz, Martin Hinz, Marco Hostettler, Sophia Joray, Asuman Lätzer-Lasar, Andrew Lawrence, Kaan Memik, Sabine Neumann, Martin Renger, Stefan Schreiber, Corinne Stäheli

Online-Tagung „KATEGORIENBILDUNG UND DANN? KOMPLEXITÄT, WIDERSPRÜCHLICHKEIT UND VIELFALT ARCHÄOLOGISCH BEGREIFEN“

Gemeinsam mit der AG Geschlechterforschung wird die AG Tida am 5.–6.4.2022 zu „Kategorienbildung und dann? Komplexität, Widersprüchlichkeit und Vielfalt archäologisch begreifen“  digital via ZOOM tagen. Nach Verschiebungen der Altertumsverbandstagungen aufgrund von Corona hat sich die Tagungsorganisation entschieden, eine unabhängige Online-Tagung durchzuführen. Bis zum 31.3.2022 wird dafür um Rückmeldung der Teilnahme unter Kategorienbildung2022@gmx.net gebeten. Die Teilnahme ist kostenlos. Organisiert wird die Tagung von Hanna Jegge, Jana Esther Fries und Sophie-Marie Rotermund.

Den Flyer mit dem Einladungstext findet Ihr hier:

Die Abstracts könnt ihr im Abstract-Heft einsehen und herunterladen:

Programm „Kategorienbildung und dann? Komplexität, Widersprüchlichkeit und Vielfalt archäologisch begreifen“

Gemeinsame Session der AG Geschlechterforschung und der Theorien in der Archäologie auf der Verbandstagung des MOVA und WSVA in Jena 4.-7.04.2022

Organisiert durch: Hanna Jegge, Jana Esther Fries und Sophie-Marie Rotermund

Tag 1 Nachmittag

14.00 – 15.30 Uhr 2 Input Vorträge (á 20 min.)

  • Hanna Jegge • Begrüßung
  • Sophie Rotermund, Jana Esther Fries • Kategorienbildung und dann?
  • Claudia Maria Melisch • Prinzessin von Berlin-Britz

16.00-17.30 Uhr World Café:
Vom Nutzen und der Unvermeidlichkeit von Kategorien

Tag 2 Vormittag

8.30 – 10.00 Uhr 3 Input Vorträge (á 20 min.)

  • Michaela Helmbrecht • Komplexität, Widersprüchlichkeit und Vielfalt archäologisch begreifen – und sprachlich umsetzen. Gedanken einer Sprachfetischistin
  • Stefan Schreiber • Queere Geschlechter – relationale Subjekte? (Warum) Sind Geschlechter dual resilienter?
  • Eleonore Pape • Grenzen traditioneller und Potentiale revidierter Geschlechtsbestimmungsmethoden für die Interpretation von Gender anhand prähistorischer Bestattungen

10.30-12-30 Uhr World Café:
Wieso Kategorien unser Denken begrenzen

Tag 2 Nachmittag

14.00 – 15.30 Uhr 2 Input Vorträge (á 20 min.)

  • Daniela Nordholz • Identitäten (gender und mehr) im Spätpaläolithikum und Mesolithikum
  • Sonja Grimm, Daniel Gross • Göttinnen und Jäger – Genderdebatte und Stereotype in der Wildbeuter-Archäologie (digital)
  • Philipp Tollkühn • Männliche Hofbesitzer in der Bandkeramik?!

16.00 – 17.30 Uhr World Café:
Komplexität begreifen – aber wie? Für einen besseren Umgang mit Kategorien

Download des Programms und der Abstracts hier

Programm „Kategorienbildung und dann? Komplexität, Widersprüchlichkeit und Vielfalt archäologisch begreifen“ weiterlesen

Erschienen: „FAiG 2019: Prekariat und Selbstausbeutung“

Der Round Table des Forum Archäologie in Gesellschaft (FAiG), welcher 2019 in Würzburg stattfand, ist nun 2021 als Themenschwerpunkt in den Archäologischen Informationen erschienen. Prekariat und Selbstausbeutung prägen als zwei eng miteinander verwobene Strukturen den Arbeitsalltag der meisten Archäolog*innen. Das FAiG setzte sich daher mit diesem Thema auseinander und lud die Beitragenden ein, ihre Erfahrungen und Gedanken zu veröffentlichen. Folgende Beiträge könnt ihr im Early View nachlesen:

Doris Gutsmiedl-Schümann – Raimund Karl – Thomas Meier – Christiane Ochs – Sophie-Marie Rotermund – Stefan Schreiber, Prekariat und Selbstausbeutung zwischen einer Kultur des Jammerns und „Self-Empowerment“ – Einführung zur Diskussionsrunde des Forums Archäologie in der Gesellschaft (FAiG), Archäologische Informationen 44, 2021, Early View. [PDF]

Doris Gutsmiedl-Schümann, Prekariat und Selbstausbeutung: Eine kontinuierliche Entwicklung aus dem Studium heraus? Archäologische Informationen 44, 2021, Early View. [PDF]

Stefan Schreiber, Archäologie am Abgrund – Abgründe der Archäologie: Menschenregierungskünste zwischen Prekarisierung und Selbstausbeutung, Archäologische Informationen 44, 2021, Early View. [PDF]

Raimund Karl, (Selbst-?)Ausbeutung im akademischen Betrieb – Ein Erlebnisbericht, Archäologische Informationen 44, 2021, Early View. [PDF]

Christiane Ochs – Sophie-Marie Rotermund, I studied Archaeology – Now my life is in ruins? Archäologische Informationen 44, 2021, Early View. [PDF]

Publikation „Theorizing Resilience & Vulnerability in Ancient Studies“ (Travas) ist online

Die Publikation unseres, gemeinsam mit der Swiss TAG, sowie dem RGZM, den Unis Bern, Freiburg und Mainz organisierten, Workshops „Theorizing Resilience & Vulnerability in Ancient Studies“ (TRAVAS) ist nun online gegangen. In loser Folge werden wir Videos, Essays und schriftliche Interviews veröffentlichen, die während oder in Folge des Workshops entstanden sind. Herausgegeben wird sie als zitierfähiger Blog, bei dem die einzelnen Beiträge durch ein DOI-Repositorium verstetigt sind, durch Martin Hinz, Martin Renger, Stefan Schreiber und Caroline Heitz.

Die Publikationen findet ihr unter http://resilience2020.archaeological.science/

CfP: „WHAT IS NEW IN THE ARCHAEOLOGY OF MOBILITIES? CURRENT ISSUES, LATEST TRENDS“

Am 18. Februar 2022 findet unser digitaler Workshop „What Is New in the Archaeology of Mobilities? Current Issues, Latest Trends“ statt. Er wird im Rahmen unserer AG „Kultur|Bewegungen in den Archäologien“ organisiert von Raffaella Da Vela, Julia K. Koch, Asuman Lätzer-Lasar, Christian Mader, Sabine Neumann und Katerina Ragkou.

Den Call for Participation und alle weiteren Details findet ihr hier. Die Deadline für die Registrierung und das Einsenden eines kurzen Statements of Motivation ist der 31. Januar 2022. Save the Date!

Stellungnahme der AG Theorien in der Archäologie e.V. (TidA) zu durchgeführten, verhinderten & geplanten Kürzungen Kleiner Fächer im Universitätsbetrieb

04. August 2021

Gerade in den letzten Jahren nach der Weltwirtschaftskrise zeigte sich, dass die Schließungen und Nicht-Besetzungen von Professuren Kleiner Fächer leider kein Einzelfall sind. So wurde in Sachsen an der Universität Leipzig trotz weltweitem Protest die Professur für Klassische Archäologie eingespart und das gleichnamige Institut in eine Lehreinheit des Historischen Seminars umgewandelt. Zudem wurden erst jüngst die Pläne zur drohenden Schließung bzw. zum sukzessiven Abbau von Professuren, Abteilungen und Instituten in Halle diskutiert, welche ebenfalls von erheblichen Protesten seitens der Öffentlichkeit und unseren Fachvertreter*innen begleitet worden sind. Mit großer Sorge beobachten wir diese Entwicklungen und möchten uns an dieser Stelle daher nachdrücklich gegen die Kürzungen von altertumswissenschaftlichen sowie archäologischen Professuren und deren Institutionen in Deutschland aussprechen.

Die Professuren- und Standortzahlen der Kleinen Fächer sind im Zeitraum zwischen 1997 und 2020 stabil geblieben bzw. sogar gewachsen, wobei in den einzelnen Fächergruppen durchaus unterschiedliche Trends zu erkennen sind. Dies ergab die flächendeckende Datenerhebung der Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer aus dem Jahre 2020, welche bundesweit 157 kartierte Kleine Fächer in die Analyse einbezogen hatte. Dabei sind in dieser Auflistung gerade neu entstandene Disziplinen, wie beispielsweise die Archäoinformatik (Köln), noch nicht inbegriffen.

Einen wichtigen Teil der Kleinen Fächer stellen die Altertumswissenschaften dar. Gerade sie bauen die so wichtige Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Solche Brücken tragen erst dazu bei, dass wir ein (kritisches) Bewusstsein unserer eigenen Position und unserer Verantwortung in der Welt schaffen und reflektierte sowie überlegte Handlungsoptionen und -orientierungen aus einer Langzeitperspektive her entwickeln können. Auf ein verdeutlichendes Exempel sei hier kurz hingewiesen, wenn die Archäologie beispielsweise ihre verantwortungsvolle Beratungsfunktion für die (internationale) Politik (Deutschlands) übernimmt.

Innerhalb Deutschlands tragen die altertumswissenschaftlichen Fächer mit ihren vielen Teildisziplinen, die sich durch unterschiedliches Quellenmaterial und ihr jeweiliges Herangehen an die Vergangenheit unterscheiden, zu einer erfolgreichen Positionierung und Entwicklung der Hochschul-, Forschungs- und Wissenschaftslandschaft bei. Die Diversität befördert geradezu einen vielschichtigen Diskurs über die Vergangenheit und damit auch Gegenwart und Zukunft.

Hinzu kommt eine regionale Wissenschaftsdiversität, welche die einzelnen Teildisziplinen positiv kennzeichnet: Die archäologischen Standorte in Deutschland bieten verschieden ausgerichtete Professuren und dementsprechend eine Vielzahl von Studiencurricula an. Nur durch die unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven wird der Diskurs und die Wissensvielfalt gefördert, um so wiederum verschiedenartige Erkenntnisse synergetisch erzeugen zu können. Wir sind davon überzeugt, dass disziplinäre Pluralität zu einer höheren Akzeptanz von unterschiedlichen, jedoch nachvollziehbaren, -prüfbaren, konsistenten und hinterfragbaren Wegen zu Wissen und zu Erkenntnissen führt, was letztlich für uns auch eine Form von Wissenschaftsfreiheit bedeutet. Fundierter, kreativer, kritischer und wissenschaftlicher Streit und damit Austausch, Aushandlung, (Selbst-)Reflexion und Einschätzung sind nur möglich, wenn es eine Vielzahl von Stimmen und Meinungen gibt, die auch bewertbar und kontextualisierbar bleiben.

Durch den Abbau und die finanzielle Unterversorgung der Institute werden jedoch der bisher positiven Entwicklung wieder immense Einbußen abverlangt. Das ist umso bedauernswerter, da die altertumswissenschaftlichen Forschungen führungsweisend zu ausschlaggebenden Forschungsrichtungen innerhalb inter- und transdisziplinärer Forschungsverbünde beitragen, wie im Falle von Klimaforschungen oder globalgesellschaftlichen Themen (z. B. Rassismus, ethnisch-kulturelle Vielfalt, (Un)Gleichheit, Krisensituationen, Pandemien und Resilienz).

Eine Gesellschaft, die also nicht auf Diversität– speziell auf disziplinäre Diversität – setzt, welche v. a. die Kleinen Fächer einschließt und deren Mannigfaltigkeit fördert, ist folglich eine „amputierte“ Gesellschaft, die sich in Krisensituationen schlecht behaupten kann. Diversität wird als eine der Schlüsselqualitäten von resilienten Strukturen angesehen. Langfristig führt also der Abbau zu einer Marginalisierung und Abwertung des Wissenschaftsstandortes Deutschland vor allem auf dem internationalen Wissenschafts- und Forschungsplateau. Zudem wird durch die Kürzungen nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die personelle Diversität in Deutschland reduziert, die bisher als Vorteil und Stärke wahrgenommen zu einem sehr guten Abschneiden im internationalen Vergleich führte – z. B. bei der Einwerbung von EU Geldern.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die Bedeutung der Kleinen Fächer erkannt und fördert seit Jahren den Erhalt und Ausbau mit beträchtlichen finanziellen Mitteln (siehe Käte Hamburger Kollegs oder die diversen Förderprogramme „Kleine Fächer – große Potenziale“). Dies ist auch dringend notwendig, denn gerade die Altertumswissenschaften haben eine große Stärke und internationale Sichtbarkeit mindestens seit dem 19. Jahrhundert erarbeitet, die mit dazu führten, dass Deutschland zu einem weltweit anerkannten Wissenschaftsstandort geworden ist. Nun handeln aber die Universitäten und einzelnen Bundesländer mit den Kürzungen konträr zur Linie des Bundesministeriums, was sehr bedauerlich ist und zu Spannungen innerhalb der deutschen Wissenschafts-, Hochschul- und Forschungslandschaft führt.

Befeuert durch weitere unglückliche Bestimmungen, wie beispielsweise das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, führt diese Zuspitzung zu einer Abwanderung qualifizierter Wissenschaftler*innen aus Deutschland ins Ausland. Diese Tendenz muss baldmöglichst gestoppt werden, um einer Ausdünnung exzellenter Forschung in Deutschland entgegenzuwirken. Vielmehr besteht eine gesellschaftliche Notwendigkeit, reflektierende Kleine Fächer wie die Archäologie und altertumswissenschaftliche Fächer zu fördern und weiter auszubauen, anstatt zu kürzen!

Gez.
Vorstand und Beirat der AG Theorien in der Archäologie e.V. (TidA)

Zitiervorschlag: AG Theorien in der Archäologie (TidA), Stellungnahme der AG Theorien in der Archäologie e.V. (TidA) zu durchgeführten, verhinderten & geplanten Kürzungen Kleiner Fächer im Universitätsbetrieb. DOI: 10.5281/zenodo.5156004.

Stellungnahme als pdf zum Downloaden

Offener Brief des Vereins AG Theorien in der Archäologie (TidA) zum Thema #IchBinHanna

22. Juli 2021

An die Verbände und Vereine, die sich als archäologische Berufs- oder Interessen-vertretungen verstehen,

insbesondere den Deutschen Verband für Archäologie (DVA), den Deutschen Archäologen-Verband (DArV), die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF) sowie das Chartered Institute for Archaeologists Deutschland (CifA D).


Seit dem 10. Juni 2021 machen unter dem Hashtag #IchbinHanna in einer beispiellosen Grassroots-Initiative tausende Wissenschaftler*innen ihrer Wut und Verzweiflung, aber auch ihrer Hoffnung Luft. Grund ist das unverhältnismäßige und in vielen Punkten kontraproduktive Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG). Ausgelöst wurde diese öffentliche Empörung durch ein Video auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), in welchem die fiktive, namensgebende Doktorandin Hanna erklärt, weshalb sie das WissZeitVG für besonders gut hält, weil durch die wissenschaftliche Zirkulation das Universitätssystem nicht „verstopft“ und so eine gesteigerte „Innovation“ erreicht würde.

Das WissZeitVG und die damit zusammenhängende Befristungspraxis bei steigenden Studierenden- und Promovierendenzahlen stellen für das gesamte akademische System eine nicht tragbare Situation dar, die das Prekariat zum Standard erhebt. Bereits im Vorfeld von #IchBinHanna wurde lange über das WissZeitVG kontrovers diskutiert. So sprach sich die Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten Deutschlands im September 2019 in der Bayreuther Erklärung zu befristeten Beschäftigungsverhältnissen mit wissenschaftlichem und künstlerischem Personal in Universitäten für das WissZeitVG und die sich dadurch verschärfende Prekarisierung aus. Auch hieran wurde intensiv Kritik geübt, z. B. durch die Aktion #95vsWissZeitVG (95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz) im Herbst 2020.

Zahlreiche Archäolog*innen sind ebenfalls betroffen, solidarisieren sich und haben sich explizit zu Wort gemeldet. Die Beiträge reichen von Studierenden und (Post-) Doktorand*innen, dem sogenannten Nachwuchs und dem akademischen Mittelbau, Berufsaussteiger*innen bis hin zu einzelnen Professor*innen. Während sich Verbände anderer Disziplinen bereits positioniert und direkt an das BMBF bzw. die Bundesministerin gewandt haben (z. B. die Deutsche Gesellschaft für Amerikastudien [DGfA], der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V. [VHD] und die Deutsche Gesellschaft für Soziologie [DGS]), haben sich die archäologischen Berufs- sowie Interessenvereine und -verbände bislang nicht positioniert.

Wir appellieren daher an alle archäologischen Berufs- und Interessenvereine sowie -verbände, Stellung zu beziehen zu dieser auch für die archäologische Forschungslandschaft kurz- mittel-, und langfristig untragbaren Situation und Ihre Stimme in die Politik zu tragen.

Erwartungsvoll,

Ihre AG Theorien in der Archäologie (TidA)


Zitiervorschlag: AG Theorien in der Archäologie (TidA), Offener Brief der AG Theorien in der Archäologie (TidA) zum Thema #IchBinHanna. DOI: 10.5281/zenodo.5121345.

Offener Brief als pdf zum Downloaden

Arbeitsgemeinschaft Theorien in der Archäologie