Programm der Sektion „Frage Migration! – Erkenntnistheorien, Argumente, Modelle, Paradigmen“

Datum: Dienstag, 4.07.2017
Ort: 9. Deutscher Archäologiekongress, 03. – 08.07.2017 in Mainz

Les migrations. Foto: Jodi Green. https://www.flickr.com/photos/jodigreen/9596651970/. CC BY-NC-ND 2.0

Les migrations. Foto: Jodi Green. https://www.flickr.com/photos/jodigreen/9596651970/. CC BY-NC-ND 2.0

Programm (auch hier zum downloaden)

08.45 Uhr • Organisator*innen der AG TidA • Einführung – Frage Migration!
09.00 Uhr • Sabine Reinhold • Völkerwanderung 2.0 oder Wieviel Biologie braucht der Transfer kulturelle Praktiken?
09.30 Uhr • Kerstin P. Hofmann • Migrationsnarrative. Konzepte, Methoden und Repräsentationsformen im Vergleich

10.00 Uhr • Kaffeepause

10.30 Uhr • Michael Kempf • Klima, Kollaps, Katastrophe? – interdisziplinäre Ansätze zur Abschätzung von klimainduzierter Umweltkrise und Migration
11.00 Uhr • Stefanie Eisenmann • Gruppen in Genetik und Archäologie: Die Frage nach der Nomenklatur genetischer Cluster
11:30 Uhr • Corina Knipper, Tivadar Vida, István Koncz, János Gábor Ódor, Ildikó Katalin Pap, Balázs Gusztáv Mende • Mobilität während der Völkerwanderungszeit: Implikationen von Strontium-Isotopendaten von Gräberfeldern des 5. und 6. Jh. in Westungarn
12.00 Uhr • Wolfgang Haak • Über Migrations- und Vermischungsnarrative der Archäogenetik

12.30 Uhr • Mittagspause

14:00 Uhr • Michael Werner • Migration und Raum – ein handlungstheoretischer Ansatz
14:30 Uhr • Martin Furholt • Migration, Mobilität und die Struktur sozialer Gruppen im europäischen Neolithikum
15:00 Uhr • Thomas Hoppe – Stefan Schreiber, Birgit Schorer, Maxime Rageot, Angela Mötsch, Janine Fries-Knoblach, Dirk Krausse, Cynthianne Spiteri, Philipp W. Stockhammer • Was haben Dinge mit Migrationen zu tun? Einblicke in komplexe „Mensch-Objekt-Wanderungen“ am Beispiel von Fundensembles aus Hochdorf und der Heuneburg

15.30 Uhr • Kaffeepause

16:00 Uhr • Blandina Cristina Stöhr • Migrationen, Identität und Angst – Das Fallbeispiel Griechenland und die Geflüchteten. Eine ethno-archäologische Projektskizze
16.30 Uhr • Martin Renger • Frage Migration? Antwort Ungleichheit! Ein Kommentar zum aktuellen Forschungsdiskurs und ein Plädoyer für einen Perspektivwechsel

17:00 Uhr • Abschlussdiskussion

17.30 Uhr • Mitgliederversammlung


 

Abstracts

Völkerwanderung 2.0 oder Wieviel Biologie braucht der Transfer kultureller Praktiken?
Sabine Reinhold
Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, Berlin

Mit dem Wiedererstarken von großräumigen Migrationsparadigmen als Erklärungsmoment für Veränderungen in der Struktur prähistorischer Kulturen kehrt ein Paradigma zurück, das wir eigentlich überwunden geglaubt hatten. Insbesondere der Nachweis biologischer Zusammengehörigkeit über aDNA-Analysen lässt die These des Zusammenhangs von materieller Kultur und deren Überreste mit biologischer Verwandtschaft und ethnischer Homogenität in einem neuen Licht erscheinen. Was Gustaf Kossinna seinerzeit positiv beantwortet und als Ausgangspunkt komplizierter Expansionsszenarien gesehen hat, wurde seither lange eher verneint. Das kulturelle Handeln, die soziale Praxis, wurde ins Zentrum von Identitätsdiskursen gerückt und höher gewichtet als biologisch-verwandtschaftliche Bindungen. Abstammung konnte fiktiv sein und Identität war allein sozial konstruiert.
Mit den neuen bioarchäologischen Analysemethoden geraten solche Positionen in Wanken. Es scheint doch auch biologische – oder vor allem biologische? – Verbindungen zwischen den Leuten zu geben, die etwa ihre Toten in derselben Form begraben oder eine vergleichbare Region bewohnen. Doch wieviel Biologie steckt hinter einer archäologischen Kultur? Oder großräumigen Phänomenen wie etwa den Glockenbechern, oder der osteuropäischen Jamnaja-Kulturgemeinschaft, die sich einerseits durch weiträumig ähnliche kulturelle Praxis auszeichnen und gleichzeitig aber lokale Eigenheiten besitzen? Insbesondere in Eurasien werden mittlerweile Massen an Bevölkerungen über riesige Distanzen verschickt, für die die archäologischen Belege einer kulturellen Kohärenz eher schwach sind oder ganz fehlen.
Hier gilt es einerseits Mobilitätskonzepte neu zu definieren und andererseits zu hinterfragen, was bedeutet es eigentlich in der Realität, wenn die Kern-DNA-Analyse eine biologische „Verwandtschaft“ oder „Abstammung“ zu einem bestimmten Prozentsatz nahelegt? Mit dem Thema „Migration“ müssen eben nicht die anderen Narrative wie klar definierten Kulturgruppen, die wandern, von Landnahmen und ähnlichem zurückkehren. Vielmehr können neue Mobilitätskonzepte entwickelt werden, die kulturelle und/oder biologische Zusammengehörigkeit in einen befriedigenden Rahmen setzen.


Migrationsnarrative. Konzepte, Methoden und Repräsentationsformen im Vergleich
Kerstin P. Hofmann
Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Frankfurt a.M.

Migrationen sind nicht nur heute, sondern waren auch früher schon oft Thema von Erzählungen. In der Historiographie werden Migrationen zudem immer wieder als eine der zentralen Gründe für kulturellen und sozialen Wandel angeführt. Nicht nur unterschiedliche Handlungstragende, sondern auch verschiedene Konzepte von Mobilität, Raum, Zeit und Identität spielen dabei eine Rolle. Auch die Methoden des Nachweises von Migrationen und ihre Repräsentationsformen differieren erheblich. Am Beispiel der wikingerzeitlichen Migration von ‚Nordmännern‘ nach Britannien während der Wikingerzeit sollen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Wechselwirkungen verschiedener Migrationserzählungen aufgezeigt werden.


Wolf im Schafspelz – Schaf im Wolfspelz? Prähistorische Mobilität im Fokus von Molekularbiologie und Archäologie
Stefan Burmeister
Museum und Park Kalkriese

Der Mensch ist ein homo migrans; menschliche Mobilität war und ist eher der Regelfall als die Ausnahme. Von daher sind Migrationen ein zentraler Untersuchungsgegenstand der archäologischen Forschung – oder sollten es zumindest sein. Vielfach waren Wanderungen jedoch mehr axiomatische Setzungen zur Erklärung von Kulturwandel als selbst eigener Gegenstand der Forschung. Die methodologischen Probleme einer genuinen Migrationsarchäologie diskreditierten diese vielfach als eigenständigen Forschungsansatz. Die neuen Methoden der Molekularbiologie (Genetik, Isotopie) führen die Archäologie aus ihrer epistemologischen Sackgasse. Das ist unstrittig – die Naturwissenschaften liefern hier ein „Heilsversprechen“.
Wer jedoch Kritik an den beeindruckenden Ergebnissen etwa der Genetik äußert, steht schnell im Verdacht, sich dem Fortschritt zu widersetzen und alte Pfründe einer nicht mehr haltbaren Deutungsmacht zu verteidigen. Doch so einfach ist es nicht. Die neuen, durch genetische Analysen untermauerten Modelle prähistorischer Wanderungen lassen sich zwanglos in Geschichtsbilder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts einfügen. Finden diese Narrative hier ihre Bestätigung oder sind die Deutungen genetischer Befunde nicht doch eher kontaminiert mit überkommenen Geschichtsbildern? Für letzteres lassen sich zahlreiche Beispiele anführen – hierüber gilt es sich auseinanderzusetzen.


Klima, Kollaps, Katastrophe? – interdisziplinäre Ansätze zur Abschätzung von klimainduzierter Umweltkrise und Migration
Michael Kempf
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung Frühgeschichtliche Archäologie und Archäologie des Mittelalters

Migration eher als Prozess und nicht als Ereignis anzusehen, betont den Anspruch, einen umfassenden Überblick über die vielen ‚push‘ und ‚pull‘ Faktoren zu erlangen, die Wanderungsbewegungen auslösen können. Inwiefern sich jedoch zwischen lokalem Druck in der Heimat und Anziehungskraft in der Ferne unterscheiden lässt, oder ob eine Kombination beider Faktoren möglich ist, erschließt sich nicht zwangsläufig. Um diese Fragen zu klären verweisen ereignisbasierte Theorien interdisziplinärer Forschungsansätze gerne auf absolute Konformität von ‚Klima-Event‘ und ‚Response‘.
Allzu leicht nur scheinen sich historische Ereignisse, Perioden oder Entwicklungen in klimadeterministische Abläufe einflechten zu lassen: Der ‚Niedergang des römischen Reiches‘ – gleichzeitig eine Periode starker Klimaschwankungen, verbunden mit hohen Niederschlagsraten. Die ‚Völkerwanderung‘ – Trockenheit, abrupte Abkühlung, Dürre, Missernten und Überschwemmungen. Die ‚Justinianische Pest‘ – Konsequenz einer zehnjährigen Klimaveränderung, zurückzuführen auf eine Serie von Vulkanausbrüchen nach 536 n. Chr. Scheinbar beliebig lässt sich die Liste der verheerenden Auswirkungen auf soziale und politische Instrumente und Systeme des 3.-6. Jahrhunderts n. Chr. fortsetzen. Doch welcher Fragestellung unterliegen die Behauptungen der naturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit einem, auch in politischer Sicht dominierenden Thema des ausgehenden 20. und des frühen 21. Jahrhunderts? Der Versuch, sich verändernde politische Gebilde und Räume mit drastischen Einschnitten im klimatischen Haushalt zu kombinieren und zu erklären, verleitet zu einer einseitigen Betrachtungsweise von kulturgeschichtlichen Entwicklungen – die vor allem in kleinräumigen Ordnungen ablaufen. Inwieweit ist Gleichzeitigkeit ein Indiz für Kausalität? Und handelt es sich nicht vielleicht eher um eine konstruierte Verknüpfung zweier Ereignisse zu einem Narrativ? Dieser Beitrag soll einen weiten Bogen schlagen: Neben der Vorstellung naturwissenschaftlicher Parameter und Proxy werden Fragen der globalen Klimageschichte erarbeitet und auf regionalen Maßstab heruntergebrochen, um mögliche Migrationsbewegungen im archäologischen Befund aufzudecken.


Gruppen in Genetik und Archäologie: Die Frage nach der Nomenklatur genetischer Cluster
Stefanie Eisenmann
Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena

Zahlreiche Publikationen aus dem Bereich der Genetik widmen sich der Erforschung von Mobilität. Die Studien konzentrieren sich in diesem Zusammenhang nicht auf den Nachweis von Bevölkerungsverschiebungen auf kleinräumiger Ebene, sondern stellen die großen Narrative in der Urgeschichte, wie die Neolithisierung oder die weitreichenden kulturellen Veränderungen in Mitteleuropa am Ende des Neolithikums, wieder in den Fokus. Sie laufen damit dem Trend zu detaillierten Lokalstudien, der sich in der archäologischen Forschung beobachten lässt, entgegen.
Während erste kleinere DNA-Serien an menschlichem Skelettmaterial Ende der 90er Jahre bereits das Potenzial dieser Analysen für die Erforschung urgeschichtlicher Migrationen aufzeigten, haben jüngste technologische Weiterentwicklungen, wie das Next Generation Sequencing, Shotgun Sequencing und Hybridisation Enrichment, die Anwendungsmöglichkeiten hin zu großen Probenreihen maßgeblich erweitert. Man könnte von einer Kommerzialisierung des Fachbereichs Archäogenetik sprechen, ähnlich wie ihn andere bioarchäologische Disziplinen, bspw. die Analyse stabiler Isotopen, bereits durchlaufen haben.
Im Mittelpunkt des Vortrags steht eine theoretische Problematik, die aus der Ausweitung der Probenreihen in alt-DNA Studien folgt. Nach der Sequenzierung werden die einzelnen Individuen auf Grundlage ihrer genetischen Ähnlichkeiten, für gewöhnlich mit Hilfe einer Principal Components Analysis, in Gruppen zusammengestellt. Die Benennung dieser
genetischen Cluster erfolgt bislang nach keinem festgelegten System, stellt jedoch einen zentralen Schritt in der Überführung der naturwissenschaftlichen Daten in die archäologische Interpretation dar. Die Entwicklung einer allgemeinen Nomenklatur sollte daher im lebendigen Dialog zwischen den Vertretern beider Disziplinen – der Archäologie und der Genetik – erfolgen.
Erste Schritte in diese Richtung wurden bei einem Workshop des neu gegründeten „Max Planck Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranean“ (kurz: MHAAM) im Februar dieses Jahres unternommen, und sollen im Rahmen des Archäologiekongresses zur Diskussion gestellt werden.


Mobilität während der Völkerwanderungszeit: Implikationen von Strontium-Isotopendaten von Gräberfeldern des 5. und 6. Jh. in Westungarn
Corina Knipper1, Tivadar Vida2, István Koncz2, János Gábor Ódor3, Ildikó Katalin Pap4, Balázs Gusztáv Mende5
1 Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH, Mannheim; 2 Eötvös Loránd University, Institute of Archaeological Sciences, 1088 Budapest, Múzeum körút 4/B, Hungary; 3 Wosinsky Mór Múzeum, Szekszárd; 4 Savaria Museum, Szombathely; 5 Archaeological Institute, Research Centre of the Humanities, Hungarian Academy of Sciences, 1014, Budapest, Úri u. 49, Hungary

Das Karpatenbecken ist ein Schlüsselgebiet historischer und archäologischer Forschung zur Völkerwanderungszeit. Schriftquellen überliefern eine komplexe Abfolge von Bevölkerungsgruppen des 5. bis 7. Jh., darunter Hunnen, Gepiden, Langobarden und Awaren. Die reichhaltigen archäologischen Hinterlassenschaften der Gräberfelder offenbaren räumliche Unterschiede von Bestattungsbräuchen und Grabbeigaben sowie Veränderungen dieser Merkmale im Laufe der Zeit. Dennoch mag eine unreflektierte Assoziation historischer Einheiten mit anhand von materieller Kultur und Bestattungsbräuchen herausgearbeiteten Gruppen der historischen Situation nicht immer gerecht werden. Zu bedenken sind die Dynamik ethnischer Gruppen und mögliche Verschiebungen externer Zuweisungen in Richtung historisch aktiver Führungspersönlichkeiten und militärischer Einheiten. Derzeit widmet sich ein ungarisch-deutsches Projekt der Spezifizierung der Rolle tatsächlicher Residenzwechsel von Menschen während der Völkerwanderungszeit. In einer interdisziplinären Herangehensweise verknüpft es historische, archäologische und anthropologische Informationen mit den Resultaten von Isotopenanalysen (Sr, O, C, N) an ausgewählten Gräberfeldern aus dem Karpatenbecken. Erste Ergebnisse zeigen für zwei Fundstellen in Westungarn eine große Bandbreite von Strontium-Isotopenverhältnissen im Zahnschmelz erwachsener Individuen, während sich die Analysedaten der Zähne von Kindern überwiegend in engen Wertebereichen konzentrieren. Diese Muster sprechen sowohl für Wohnortwechsel im Laufe des Lebens der meisten Personen, als auch für Siedlungs- und Bestattungskontinuität über mindestens mehrere Jahre an einem Ort. Um genauere Einblicke in die Rolle von Mobilität im täglichen Leben der Menschen und ihre Bedeutung für die Aufrechterhaltung überregionaler Kontakte zu erlangen, wird der Vortrag die Analyseergebnisse mit Modellen zu Residenzwechseln von Gruppen verschiedener Größe und einzelner Individuen konfrontieren.


Über Migrations- und Vermischungsnarrative der Archäogenetik
Wolfgang Haak
Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena

Die Ergebnisse archäogenetischer Studien vor allem der letzten 3 Jahre haben den Diskurs um Migration menschlicher Gruppen in der Vor- und Frühgeschichte nicht nur wiederentfacht, sondern auch im Spiegel aktueller gesellschaftspolitischer Ereignisse wieder direkt in den Vordergrund gerückt. Aus Sicht der Archäologie werden diese Ergebnisse – und vor allem deren Interpretation – mit großem Bedenken wahrgenommen, nicht zuletzt weil die vermeintliche Verbindung von biologischem Substrat (d.h. gemeinsamer Abstammung), materieller Kultur und eventuell auch Sprachen bereits tot geglaubte Geister des Faches heraufbeschwört.
Zweifellos sind die beteiligten Fächer, d.h. Archäologie, Anthropologie, Genetik und Linguistik durch diesen Diskurs wieder näher zusammengerückt, allerdings bedarf es nach wie vor noch deutlich mehr gemeinsamen fachübergreifenden Dialog und Kommunikation, um die noch sehr großen Missverständnisse um die wissenschaftstheoretischen Ansätze und Methodik aller Disziplinen besser zu verstehen.
In diesem Vortrag möchte ich die populationsbiologischen Konzepte hinter den genetischen Erbnissen der alten DNA- Studien erläutern, um deren Potenzial, Chancen und auch Grenzen aufzuzeigen. Gleichsam soll eine solche Darstellung die Auflösungsstärke verschiedener biologischer Markersysteme und Analysenmethoden verdeutlichen, um deren Aussagekraft im Licht archäologischen Kontexts aber auch neutraler Hypothesentests besser einschätzen zu können.


Migration und Raum – ein handlungstheoretischer Ansatz
Michael Werner
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie / Archäologie des Mittelalters

Migration wird als dauerhafte, räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes definiert. Migration findet nicht in einem abstrakten Raum statt, sondern ist an räumliche Bedingungen gebunden und wird durch diese bestimmt, hat aber auch selbst prägende Wirkung auf diese räumlichen Bedingungen.
Bei der Beschäftigung mit Migration spielen deshalb Raumkonzepte eine entscheidende Rolle. Dabei stehen sich stark geodeterministische Vorstellungen der klassischen Kulturgeographie und konstruktivistische, handlungsorientierte Vorstellungen der ‚Neuen Kulturgeographie‘ (z.B. Denis Cosgrove und Benno Werlen) gegenüber.
In den grand narratives wird Migration oft kausal auf naturräumliche Bedingungen, beispielsweise (sich wandelnde) Klimabedingungen zurückgeführt. Migration wird als kollektive Antwort der Bevölkerung eines bestimmten Raumes, auf die dort vorgefundenen Bedingungen betrachtet. Diese Antwort ist der Übertritt in einen anderen Raum der vorteilhaftere Bedingungen bietet. Die betroffenen Räume bleiben davon unbetroffen.
Bei zu Grunde liegenden konstruktivistischen, handlungsorientierten Raumkonzepten hingegen, werden Migrationsprozesse ambivalent gesehen, d.h. sie sind einerseits Ausdruck bestehender sozioökonomischer Disparitäten, andererseits fungieren sie als Treiber sozialer, ökonomischer und räumlicher Innovationen. Der Einfluss von Migrationsprozessen auf die räumliche und soziale Organisation des Herkunfts- und Ankunftskontextes sowie reziprok der Einfluss der übergeordneten gesellschaftlichen und räumlichen Strukturen auf die Akteure und deren Handeln – die damit verbundenen Diskurse und Symboliken eingeschlossen – entfalten eine doppelte Wirkmächtigkeit. Diese wird in der Literatur auch als ‚räumliche Definitionsmacht‘ konzeptualisiert.


Migration, Mobilität und die Struktur sozialer Gruppen im europäischen Neolithikum
Martin Furholt
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Ur- und Frühgeschichte

Es ist bemerkenswert und teils beunruhigend, wie Diskussionen um prähistorische Migrationsphänomene in der Archäologie aktuelle politische Auseinandersetzungen spiegeln. So wird eine Reihe von fragwürdigen Prämissen über soziale Gruppen häufig unreflektiert dazu verwendet, stereotype Gesellschaftsbilder des frühen 20. Jahrhunderts zu propagieren, und durch ihre vermeintliche Gültigkeit in der Urgeschichte zu naturalisieren. Entscheidend hierbei ist das Vorurteil der wholeness sozialer Phänomene (n. Greenblatt 2009), d.h. die prämissenhafte Vorstellung einer Abgeschlossenheit und Homogenität sozialer Gruppen und eine auf dem selben Prinzip aufbauende Vereinfachung und Vereinheitlichung von sozialen Phänomenen, wie etwa der „Migration“. Auf dieses Vorurteil aufbauend werden in Kossinna´scher Manier kulturell geschlossene Einheiten künstlich erzeugt, einander gegenübergestellt und in zeitlich und räumlich klar abgegrenzten Ereignissen Völkerwanderungsszenarien über die Europakarte verschoben. Diese konzeptuelle Verengung sozialer Phänomene auf homogene Schubladen führt dazu, Migration als einen externen Faktor von Gesellschaften zu betrachten, anstatt als innergesellschaftliches Phänomen; sie führt dazu falsche Dichotomien zu erzeugen, etwa den Gegensatz zwischen Migranten und Nichtmigranten, Migration und Diffusion. Diese Verengung in der Archäologie ist umso verwunderlicher, als in der kulturanthropologischen Forschung seit Jahrzehnten intensiv zur Frage von Migration und Mobilität und seinem sozialen Kontext geforscht wird. Hier liegen Modelle sehr unterschiedlicher Migrations- und Mobilitätsmuster vor, die auf unterschiedlichen Skalenebenen angesiedelt sind. Sie bieten die Möglichkeit für die Prähistorische Archäologie, neu über Migration als innergesellschaftlichem Phänomen nachzudenken, und sich intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, welche sozialen Voraussetzungen und Konsequenzen unterschiedliche Formen von Mobilität und Migration haben.
Schließlich ist die Verteilung materieller Kultur im Raum, die ja schon im Rahmen der traditionellen kulturhistorischen Archäologie mit Phänomenen von Migration in Zusammenhang gebracht wurde, entscheidend für die Identifikation und nähere Charakterisierung von Migrations- und Mobilitätsphänomenen in der Urgeschichte. Dies kann und sollte in einem konzeptionellen Rahmen geschehen, der die oben kritisierte pauschalisierende „wholeness“-Prämisse sozialer Phänomene fallen lässt und nicht vermeintlich kulturell kohärente Einheiten mit kollektiver Agency miteinander in Kontakt treten lässt, sondern in einem konzeptionellen Rahmen, der individuelle Handlungen und Entscheidungen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen macht.
In meinem Vortrag soll es vor allem darum gehen, Überlegungen zu Mobilität und Migration in einen Zusammenhang zu den sozialen Prozessen zu stellen, die zur Bildung und Aufrechterhaltung regional (relativ) einheitlicher materieller Kultur (irreführend als „archäologische Kulturen“ bezeichnet) führen. Dies ist mit einer Diskussion der Frage der Struktur und Zusammensetzung sozialer Gruppen verbunden, die unter anderem von den vorherrschenden Mobilitätsmustern beeinflusst werden. Ich werde darstellen, auf welche Weise es möglich ist, über das archäologische Material einen Zugriff auf die spezifischen Muster von Mobilität und Migration und die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Strukturen zu erhalten. Damit kann die Archäologie einen signifikanten Beitrag zur Migrationsdebatte liefern und muss das Feld nicht den Molekularbiologen überlassen.

Literatur: Greenblatt 2009: S. Greenblatt, Cultural Mobility: A Manifesto (Cambridge, UK ; New York 2009).


Was haben Dinge mit Migrationen zu tun? Einblicke in komplexe „Mensch-Objekt-Wanderungen“ am Beispiel von Fundensembles aus Hochdorf und der Heuneburg
Thomas Hoppe1, Stefan Schreiber2, Birgit Schorer, Maxime Rageot, Angela Mötsch, Janine Fries-Knoblach, Dirk Krausse, Cynthianne Spiteri, Philipp W. Stockhammer
1 Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, BMBF-Projekt „BEFIM“; 2 Ludwig-Maximilians-Universität München, BMBF-Projekt „BEFIM“

In den Archäologien wird Migration zumeist mit der Mobilität von Menschen, Diffusion mit der Mobilität von Ideen und Objekten verbunden. Wir möchten diese Trennung in Frage stellen und stattdessen ein Alternativmodell zu Migrationen anbieten, welches die Verflechtung von Menschen, Ideen und Objekten in den Blick nimmt und nach ihren „Wanderungen“ fragt. Am Beispiel von Fundensembles aus Hochdorf und der Heuneburg möchten wir hinterfragen, ob eine Trennung in Migrationen und Diffusionen immer sinnvoll ist. Dazu diskutieren wir die Komplexität der eingegangenen Verflechtungen, aber auch die Vorteile der Perspektive integrativer „Mensch-Objekt-Wanderungen“.


Migrationen, Identität und Angst – Das Fallbeispiel Griechenland und die Geflüchteten. Eine ethno-archäologische Projektskizze
Blandina Cristina Stöhr
Freie Universität Berlin

Durch politische Instabilität und Kriege in Ländern wie z.B. Syrien, Afghanistan, Libanon oder auf den afrikanischen Kontinent flüchten derzeit und zukünftig eine große Anzahl Menschen. Da Griechenland eins der ersten Ankunftsländer für die Flüchtlinge ist, sind die Begegnungen zwischen Einwohnern und Geflüchteten in einzigartiger Weise unmittelbar. In meinem Vortrag skizziere ich ein ethno-archäologisches Projekt, welches sich mit Identitätsaushandlungen in Migrationssituationen auseinandersetzen wird und diese auf einer Mikroebene analysiert. Häufig werden in archäologischen Ansätzen Migrationen entweder als Kollektivphänoneme verstanden oder auf bioarchäologische Marker reduziert. Daher stehen oft die Migrierenden im Fokus. Mir erscheint jedoch die Kommunikation der und mit der Bevölkerung an dieser Stelle genauso wichtig. Wie beeinflusst die konkrete Kontaktsituation die Identitätsaushandlungen innerhalb der griechischen Bevölkerung und was für eine Rolle spielt die Angst „vor“ den Geflüchteten in Bezug auf die persönliche Identität? Wie geht die einzelne Person mit einer solchen Veränderung in seinem Lebensumfeld um und was bedeutet das für die Konzeption von Migrationen in der Archäologie?


Frage Migration? Antwort Ungleichheit! Ein Kommentar zum aktuellen Forschungsdiskurs und ein Plädoyer für einen Perspektivwechsel
Martin Renger
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Archäologische Wissenschaften, Lehrstuhl für Vorderasiatische Archäologie

Die Archäologie steckt in einem Dilemma. Wenn sich gesellschaftliche Verhältnisse in die Architektur einschreiben – wie es beispielsweise Foucault skizziert – oder allgemeiner formuliert in der Materialität soziokultureller Formationen Ausdruck finden, dürften zudem im Ergebnis in Vergegenständlichungsformaten manifest gewordene Prozesse wie Migration fassbar werden, die zweifelsohne transformative Momente und Dynamiken in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens auslöst. Aktuelle Beispiele hierfür sind hinlänglich bekannt und sowohl in staatlichen Maßnahmen wie auch in informellen (urbanen) Strukturen offensichtlich. Der sich dabei ebenso räumlich zeigende Unterschied zwischen dem „wir [?] (hier)“ und „die anderen [?] (dort)“ könnte zurzeit nicht deutlicher hervortreten. Doch welche Hinweise, Einblicke und Rückschlüsse diesbezüglich ermöglichen urgeschichtliche, uns weitaus fragmentierter vorliegende Kontexte? Dass Migration oder allgemeiner Mobilität keine singulär auftretende Erscheinung formiert, sondern eher zur regelhaften Tatsache menschlicher Realitäten gehört, sollte mittlerweile evident sein. Gleichfalls jedoch auch die erkenntnistheoretische Sackgasse aus dingweltlichen Diversitäten, das ‚Fremde‘ oder ‚Neue‘ vom ‚Lokalen‘ und ‚Alten‘ abzugrenzen und mit jeweils dahinterstehenden spezifischen Personengruppen zu besetzen; deren Machbarkeitsdiskussion wurde durch Kramers eindringliche Kritik „Pots are not People!“ 1977 noch einmal entscheidend hinterfragt und inzwischen weitgehend durch andere Erklärungsansätze und Konzepte wie Netzwerkmodelle ersetzt. Das zuweilen ausgereizte und als defizitär empfundene genuin archäologische Rüstzeug wird derzeit durch konkrete naturwissenschaftliche Methoden ergänzt und zu kompensieren versucht, die in der Frage Migration Erfolg versprechen sollen. Doch scheint auch das philosophisch-sozialwissenschaftliche Potenzial hierfür nicht gänzlich erschöpft, muss aber unter veränderten Parametern Betrachtung finden. Dabei liegen weniger Ausgangs- und Endpunkt von Migration, sondern die permanent dadurch ausgelösten bzw. damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse im Zentrum des Interesses. Dieses ist eher an Termini wie ‚Capability‘ sowie ‚Ungleichheit‘ und ihre Sichtbarkeit im archäologischen Befund entlang der sich stets neukonstituierenden Sozialformationen insgesamt orientiert, anstatt zwischen diskursiv durch einen an (National-)Staatlichkeitskonzepten ausgerichteten Migrationsbegriff vorgeprägten gesellschaftlichen Parallelstrukturen abzuwägen.