Archiv der Kategorie: Tagungen

CfP: Sozialwissenschaften – mit oder ohne „Gesellschaft“?

Am 21./22. Juni 2018 findet in Kassel ein interdisziplinärer Workshop in Kooperation der Sektionen Kultursoziologie und Soziologische Theorie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) statt. Explizit ist auch die Archäologie angesprochen, Gesellschafts- und Kollektivbegriffe neu zu (über)denken.

Den Call for Abstracts findet ihr hier: http://www.heike-delitz.de/Gesellschaft_2018_CfP.pdf

Die Deadline ist der 15.3.2018

 

Programm der Sektion „(Un)Sichere Geschichte(n): Archäologie und (Post)Faktizität“

Am 20.-21.3. veranstalten wir auf der Tagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung (MOVA) und des West- und Süddeutsche Verbandes für Altertumsforschung (WSVA) gemeinsam mit dem Forum Archäologie in Gesellschaft (FAiG) wieder eine Sektion. Thema ist dieses Mal „(Un)Sichere Geschichte(n): Archäologie und (Post)Faktizität“

Programm (auch hier zum downloaden)

Dienstag, den 20.03.2018

8:45 Uhr • Stefan Schreiber (Berlin) / Kerstin P. Hofmann (Frankfurt a. M.), Begrüßung
9:00 Uhr • Artur Ribeiro (Kiel), Archaeology and the real: considerations on reality and the sciences
9:30 Uhr • Vesa Arponen (Kiel), Der „Reflective Turn“ in der Archäologie

10:00 Uhr • Kaffeepause

10:30 Uhr • Sophie-Marie Rotermund (Hamburg) / Geesche Wilts (Hamburg) / Stefan Schreiber (Berlin), Angst vor der Postfaktizität? Vergangenheiten als Bricolage
11:00 Uhr • Thomas Meier (Heidelberg), Vergesst Fakten
11:30 Uhr • Gabriele Rasbach (Frankfurt a. M.), „Archäologie ist die Suche nach Fakten. Nicht nach der Wahrheit.“ Postfaktizität an Beispielen aus der (Provinzial-Römischen) Archäologie
12:00 Uhr • Alexander Hilpert (Saarbrücken), „Die Villa der Secundinier“? Die römische Villa von Nennig und ihre „unsichere Geschichte“ im Spiegel der Forschung nach 1866

12:30 Mittagpause & Ende Tag 1 der Sektion (Un)Sichere Geschichte(n)

Mittwoch, den 21.03.2018

09:00 Uhr • Karin Reichenbach (Leipzig), Wem gehört die Vergangenheit? Archäologisches Reenactment als populäre Form der Geschichtsaneignung zwischen Postmoderne und Postfaktizität
09:30 Uhr • Ralf Hoppadietz (Bibracte), Versicherte Geschichte. Reenactment als Geschichtsvermittlung zwischen Post- und Kontrafaktizität

10:00 Uhr • Kaffeepause

10:30 Uhr • Rüdiger Krause (Frankfurt a. M.) / Rupert Gebhard (München), Das Narrativ von Bernstorf. Wissenschaftliches und Postfaktisches zu den Gold- und Bernsteinfunden
11:00 Uhr • Felix Wiedemann (Berlin), Die Einsichtigkeit der Erzählung. Formen narrativer Evidenz in den historischen Wissenschaften
11:30 Uhr • Lukas Bohnenkämper (Basel), Schwarz-Weiß-Malereien: Ägypten und Kusch zwischen Afro- und Eurozentrismus
12:00 Uhr • Kerstin P. Hofmann (Frankfurt a. M.), Erzähl mir doch (k)eine Geschichte(n)!

12:30 Uhr • Mittagspause

14:00 Uhr • Stefan Solleder (Berlin), Wann ist die Rekonstruktion der Vergangenheit wissenschaftlich? Theoretische Überlegungen anhand des Falls „Nordirlandkonflikt“
14:30 Uhr • Bärbel Auffermann (Mettmann), Von der Schatzkammer zum sozialen Raum
15:00 Uhr • Laura Löser (München), Mut zur Lücke. Ein Plädoyer für Bedeutsamkeit und Chance von Unsicherheit in archäologischer und historischer Museumsvermittlung

15:30 Uhr • Kaffeepause

16:00 Uhr • Doris Gutsmiedl-Schümann (Berlin), Archäologiestudiengänge zwischen (re)konstruierter Vergangenheit und historischer Wahrheit
16:30 Uhr • Jana Anvari (Berlin) / Eva Rosenstock (Berlin), Neolithic Doom: negative Darstellungen der Neolithisierung in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen

17:00 Uhr • Abschlussdiskussion


Abstracts

Artur Ribeiro (Kiel), Archaeology and the real: considerations on reality and the sciences

One of the most interesting aspects of twentieth century scholarship is the rise of a dichotomy separating the real from the unreal. Whereas in the philosophy of the 17th to the 19th century there was much discussion concerning whether knowledge depended primarily on empirical observation (empiricism) or on human faculties (idealism), in the 20th century we can recognize a shift towards discussions on what is ontologically real and what is not. This new development has generated countless debates and has added more confusion to our understanding of the role of science in society.

This differentiation of what is real and unreal is also what underlines the rise of new philosophical trends like object-oriented ontology, assemblage theory, and speculative realism. However, a closer look at this differentiation in these new philosophical trends reveals a series of fallacies and inconsistencies. What is “real” is apparently decided by scholars and scientists by completely arbitrary means and imposed authoritatively. A more coherent and productive way of thinking about reality is to return to common-sense and follow the Wittgensteinian principle that it is ordinary language which establishes our understanding of what is real and what is not.

In archaeology this means a return to more solid factual and evidential ground – one that is not bogged down by artificial and arbitrary distinctions between ontology, epistemology, constructed, and real. Furthermore, this aligns with postfactuality: we are now entering a period which should not be feared, much on the contrary, we should embrace postfactuality as an intellectual achievement given that it forces us, as a society, to recognize a clear and commonsensical distinction between what is real and fake.

Vesa Arponen (Kiel), Der „Reflective Turn“ in der Archäologie

Im philosophischen Critical Realism wird vom Epistemic Fallacy gesprochen: „that statements about being can always be transposed into statements about our knowledge of being” (Bhaskar 2008). Laut Critical Realism ermöglicht dieser „Irrtum” den Skeptiker zu behaupten, dass „our knowledge” immer im Prinzip vom „being”, Fakten, getrennt sein wird. Der kritische Realismus vertritt im Gegensatz dazu die Meinung, dass der Begriff der Wissenschaftlichen Untersuchungen nicht ohne das „Sein“ als strukturierter, regelmäßiger, vom Mensch unabhängiger Mechanismus aufgefasst werden kann.

Der Vortrag soll die Bedeutung dieser Debatte für die Geisteswissenschaftliche Forschungs­praxis evaluieren und dies anhand von Beispielen aus der archäologischen Praxis darstellen. Die Wissenschaft wird als ein dialogischer Prozess dargestellt, indem der Begriff des „Reflective Turn“ an Bedeutung gewinnt. Der wissenschaftliche Prozess wird als von Paradigmen gesteuert verstanden, welcher die Wichtigkeit der Selbst-Reflexivität und des ordentlichen, wissenschaftlichen Verfahrens darstellt. Dieser kann als eine Alternative gesehen werden, die auch z.B. aus konstruktivistischer Sicht betrachtet, verständlich sein kann: „knowledge must be viewed as a produced means of production and science as an ongoing social activity in a continuing process of transformation“ (Bhaskar 2008). In den Beispielen wird die Rolle der verschiedenen Begriffe der Macht und Ungleichheit in der archäologischen Interpretation diskutiert.

Literatur: Roy Bhaskar, A Realist Theory of Science (London / New York 2008 [1975]).

Sophie-Marie Rotermund (Hamburg) / Geesche Wilts (Hamburg) / Stefan Schreiber (Berlin), Angst vor der Postfaktizität? Vergangenheiten als Bricolage

Die Angst vor der Postfaktizität macht sich auch in der Archäologie bemerkbar. Jedoch greift ein Zurückziehen auf vermeintlich sichere, empiristische Positionen, wie sie bisweilen im Glauben an objektive, naturwissenschaftliche Methoden oder die Faktizität archäologischer Materialität praktiziert wird, häufig zu kurz. Denn Archäolog*innen sind nicht, und waren nie, die einzigen Akteure der Vergangenheitskonstruktionen.

Archäologische Konstruktionen unterscheiden sich durch eine methodische und kohärente Darstellung von anderen, zum Teil öffentlichkeitswirksameren Darstellungen. Eine Trennung in „faktische“ Wissenschaft und „postfaktische“ un-/nicht-/pseudowissenschaftliche Diskurse ist unserer Meinung aber nicht ausschlaggebend für den Erfolg vergangen­heitsbezogener Konstruktionen. Vielmehr ist es immer bereits eine Gemengelage aus unterschiedlichsten Interessen und Assoziationen, deren Qualität sich an der Viabilität und Anschlussfähigkeit an Erfahrungen und andere Konstruktionen bemisst (von Glasersfeld 1992, 30).

Wir wollen daher in unserem Vortrag mit Rekurs auf das Konzept der Bricolage nach Claude Lévi-Strauss (1991 [1962]) an verschiedenen Beispielen diskutieren, wie vielschichtig der Konstruktionsprozess der Vergangenheit ist. Denn dieser speist sich nie ausschließlich aus faktischem Wissen, sondern immer auch aus diversen anderen Quellen wie eigenen Interessen, Spielen, Filmen, Romanen, Sagen, Erzählungen, Märchen, Wünschen und Ängsten. Auf welche Art und Weise werden diese Quellen zusammengesetzt und welche Rolle spielt hierbei die Faktizität? Können und sollen faktische und ethische Qualitäten Einfluss auf die Vergangenheitskonstruktionen haben? Erst wenn wir verstehen, wie die Vergangenheiten als Bricolage entstehen, lassen sich die Aufgaben und Herausforderungen einer Archäologie im “postfaktischen Zeitalter” einschätzen und zugleich erkennen, dass wir schon immer in einem solchen leben.

Literatur: Ernst von Glasersfeld, Aspekte des Konstruktivismus: Vico, Berkeley, Piaget, in: Gebhard Rusch – Siegfried J. Schmidt (Hrsg.), Konstruktivismus: Geschichte und Anwendung. Delfin 1992 (Frankfurt a. M. 1992) 20–33; Claude Lévi-Strauss. Das wilde Denken. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1991 [1962].

Thomas Meier (Heidelberg), Vergesst Fakten

Die Vorstellung, dass es empirisch beobachtbare Fakten gebe, die Zugang zu einer objektiven Wahrheiten ermöglichten, entwickelte sich seit dem 17. Jahrhundert und basiert auf der Annahme, dass die wahrnehmbare Welt Rückschlüsse auf ihren Schöpfergott zulasse, der in der christlichen Vorstellung absolut und einzig wahr ist. Auch wenn die Aufklärung den christliche Gott als letzten Grund der Welterkenntnis den Wissenschaften ausgetrieben hat, haben weite Teile dieser Wissenschaften weder die Suche nach der Wahrheit als Ziel noch den Zugang über empirische Fakten in Frage gestellt. Vielmehr hat das Spurenparadigma solche Fakten als Weg zu einer – oft historisch gedachten – Wahrheit auch in den Geisteswissenschaften etabliert.

Der Vorwurf des Post-Faktischen rekurriert auf diesen kulturellen, aber absolut gesetzten Faktenbegriff und soll zugleich beschreiben, dass divergente Argumentationen die logische Struktur einer empirischen Beweisführung verleugnen. Der Begriff des Post-Faktischen führt aber in die Irre, da Meinungsunterschiede gar nicht hinsichtlich der grundsätzlichen Existenz und Beweiskraft von Fakten bestehen, sondern hinsichtlich ihrer Erkennbarkeit und Interpretationsmöglichkeiten. Insofern gehört der Begriff zu den fruchtlosen Disputen über nicht-hinterfragbare Glaubenssätze: „Die Wahrheit liegt in empirischen Fakten“ versus „Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters“. Ebenso fruchtlos ist der Versuch, empirische Faktizität ethisch zu begründen, da sich jeder beliebige ethische Standpunkt einnehmen lässt, und er immer nur innerhalb der Gruppe Bindungskraft entwickeln kann, die ihn bereits teilt.

Das Erschütternde an „post-faktischen“ Argumentationen ist vielmehr die Auflösung intersubjektiver Standards zugunsten einer rein subjektiven Willkür der Realitätssetzung. Innerhalb der Wissenschaft ist Post-Faktizität daher als Modus der Erkenntnisgewinnung unzulässig, weil Wissenschaft stets auf dem kontroversen Diskurs gleich erkenntnisbegabter Partner im Rahmen eines gemeinsamen Regelwerks der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit basiert. Außerhalb des Felds der Wissenschaft ist Post-Faktizität hingegen sehr viel schwieriger zu kritisieren, da gesellschaftliche Regelsysteme grundsätzlich veränderbar sind. Politisch betrachtet, verbergen sich hinter post-faktischen Argumentationen autokratische Ansprüche, so dass sich hier von einem ethischen, also kulturrelativen Standpunkt aus argumentieren lässt. Von historischer Seite sind die gesellschaftlichen Konsequenzen despotischer und willkürlicher Herrschaft als Optionen einer post-faktischen Zukunft vor dem Hintergrund entsprechender Vergangenheiten zu skizzieren.

Gabriele Rasbach (Frankfurt a. M.), „Archäologie ist die Suche nach Fakten. Nicht nach der Wahrheit.“ Postfaktizität an Beispielen aus der (Provinzial-Römischen) Archäologie

Das Zitat von Indiana Jones eröffnet eine Diskussion um Aussagemöglichkeiten und -grenzen in der Archäologie.

  • Durch die Interpretation von Befunde und Funden wird ein Narrativ entwickelt, das – quasi präfaktisch – publiziert wird, ohne quellenkritisch die Dinge zu hinterfragen.
  • Mit diesen Narrativen wird versucht, sich „der historischen Wirklichkeit“ zu nähern. In Ausstellungen und Publikationen Rekonstruktionen dieser unbekannten, vergangenen Wirklichkeiten – vergangene Landschaften und Siedlungsgefüge – „fotorealistisch“ als Fakten installiert. Dabei geht die Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten zunehmend verloren.

Die archäologischen Wissenschaften reagieren auf tatsächliche oder vermeintliche Vorgaben der Forschungspolitik und  gesellschaftliche Trends:

  • Forschungsergebnisse werden für einseitige historische Narrative missbraucht, die zu politischen und propagandistischen Zwecken genutzt werden
  • Die Forschung selbst übersteigert eigene Ergebnisse, besonders im Zusammenhang mit Bewertungskriterien oder zur Akquise von Drittmitteln und dieselben „sensationellen“ Ergebnisse werden gezielt medial vermarktet.

Aber falsche, gefälschte und „geschönte“ Nachrichten sind bereits aus der Antike selbst bekannt; leicht nachzuvollziehen ist dies bei der gezielten Falschinformation von politischen Gegnern, eine Vorgehensweise, die auch aktuell zur Anwendung kommt. Bis heute werden topoi von Fremden und „Barbaren“ bedient.

Postfaktizität ist mit einer diskussionsfreudigen Kommunikation von Forschungsergebnissen zu begegnen, denn wir können (und müssen) Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Themen nehmen (Landschaftsentwicklung durch Klimaschwankungen und die Veränderungen in Siedlungsmuster, die Reaktionen vergangener Gesellschaften auf Hunger und Krieg oder Migrationsbewegungen, um nur einige aktuelle politische Themen zu nennen). Aber in Abgrenzung zu pauschalen Urteilen gilt es klarzustellen, dass es monokausale Erklärung nicht geben kann; den daraus resultierenden Vorwürfen der mangelnden Bereitschaft zu „eindeutigen“ Aussagen müssen wir uns entgegenstellen. Wir Archäologen dürfen uns die Deutungshoheit über archäologische und historische Quellen nicht nehmen lassen.

Alexander Hilpert (Saarbrücken), „Die Villa der Secundinier“? Die römische Villa von Nennig und ihre „unsichere Geschichte“ im Spiegel der Forschung nach 1866

Der historische Blick auf die Forschungsgeschichte der römischen Villa von Nennig zeigt, dass es sich bei dem Wissen um diesen Fundort in großen Teilen um „unsichere Geschichte“ handelt: 1852 weckte die Entdeckung des prachtvollen Mosaiks europaweites Interesse, aber erst 1866 wurde eine größere Grabung durchgeführt, bei der unter anderem ein separates Badegebäude gefunden wurde. Der damalige Grabungsleiter Heinrich Schaeffer, dessen Biographie vom Referenten gerade im Rahmen einer historischen Dissertation untersucht wird, skizzierte damals Wandmalereien, die angeblich sofort verblassten, und Besitzer-Inschriften (der treverischen Familie der Secundinier), die dem Fundort eine herausragende Geschichte zuwiesen. Letzteres wurden nach jahrelangem epigraphischem

Streit als Fälschung erkannt. Weil man den Fundberichten nun nicht mehr traute, wurde die Villa 1869 erneut aufgedeckt, doch erst bei Grabungen im 20. Jahrhundert konnten wieder Wandmalereien dokumentiert werden. Die Skizzen, Beschreibungen und Erzählungen des 19. Jahrhunderts wurden dagegen bislang kaum analysiert. Ein von Schaeffer verfasstes Manuskript über die „Die Villa der Secundinier“ ist erst jüngst vom Referenten wiederentdeckt worden.

Der Vortrag untersucht die Manuskripte des ersten Grabungsleiters narratologisch und im Kontext des 150 Jahre währenden Diskurses um Nennig. Im Zusammenhang mit weiteren Briefen, Zeitungsartikeln und Zeichnungen aus der Feder des dubiosen Archäologen soll nicht nur ein Blick in die Plausibilisierungs- und Authentisierungsverfahren des 19. Jahrhunderts geworfen werden, sondern es soll darüber hinaus auch herausgearbeitet werden, welche Auswirkungen sie für die weitere Forschung hatten.

Karin Reichenbach (Leipzig), Wem gehört die Vergangenheit? Archäologisches Reenactment als populäre Form der Geschichtsaneignung zwischen Postmoderne und Postfaktizität

Im Vortrag möchte ich anhand von Beispielen aus der deutschen und polnischen Frühmittelalter-Reenactment-Szene die Problematik aufgreifen, dass insbesondere im Rückgriff auf angenommene vorchristliche, heidnische Lebensweisen Geschichtsbilder aktiviert werden, die an rechtsextreme, neopagan orientierte Ideologien anschlussfähig, und auf diese Weise Segmente der Reenactmentkultur auch nachweislich in rassistisch-neofaschistische Subkulturen und Netzwerke eingebunden sind.

Da Demokratisierungs- und Pluralisierungsprozesse der postmodernen Gesellschaft für die Vielfalt jüngerer Geschichtszugänge und damit für die Partizipation an der Herstellung von Vergangenheitsentwürfen verantwortlich gemacht werden, stellt sich hier die Frage, ob die Demokratisierung der Geschichtszugänge denn auch immer der Demokratie dient?

Wenn es aus erkenntistheoretischer Sicht keine absolute, beobachterunabhängige Instanz gibt, die darüber entscheiden kann, was ‚wahr’ ist, und wenn es angesichts der Unzugänglichkeit der – ja vergangenen – Vergangenheit keine Möglichkeit des Abgleichs mit den hervorgebrachten Geschichtsbildern gibt, wer kann darüber befinden, was ‚authentisch’ ist? Und wie und auf welcher argumentativen Grundlage können sich Wissenschaft und Museen zu problematischen Geschichtsentwürfen positionieren?

Ralf Hoppadietz (Bibracte), Versicherte Geschichte. Reenactment als Geschichtsvermittlung zwischen Post- und Kontrafaktizität

Momentan ist die Rede vom „Postfaktischen Zeitalter“ in aller Munde. Als relativ neues Phänomen angesehen, werden die wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen um die Möglichkeit des Nachweises einer objektiven Wahrheit der vergangenen Dekaden meist ignoriert.

Auch innerhalb der Ur- und Frühgeschichtsforschung wird bis heute zumeist wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass wir uns durch möglichst genaue und umfassende Daten- und (Arte-) Faktenanalyse einer historischen Wahrheit von vergangenem Leben (und Denken) annähern könnten. Die dabei produzierten Vorstellungen werden in der Folge weitgehend unreflektiert in die außerwissenschaftlichen Diskurse übernommen und als vermeintliche historische Gewissheiten verhandelt. Nirgends tritt die Annahme einer Faktizität unseres Wissens über die (eine) historische Wahrheit so deutlich zutage wie im Bereich der Vermittlung von Geschichte. Durch die Erschaffung von Lebensbildern und eine Visualisierung scheinbar „zum Leben erweckter“ historischer Realitäten durch archäologisches/historisches Reenactment werden vermeintliche Fakten in eine dauerhafte Form gegossen. Das daraus entstehende Konstrukt bietet weder die Möglichkeit, wissenschaftliche Unsicherheiten und Leerstellen unseres Wissens über vergangene Gesellschaften aufzuzeigen, noch alternative bzw. konkurrierende (Erklärungs-)Modelle. Dies betrifft vor allem die Darstellung sämtlicher immaterieller Kulturäußerungen, wie beispielsweise soziale und religiöse Vorstellungen. Neben dieser allgemeinen Problematik ist gerade im Bereich des Reenactment das Phänomen einer dezidiert ideologisch determinierten Darstellung zu beobachten, bei der jedwede wissenschaftliche Diskussionen zugunsten eigener außerwissenschaftlicher Überzeugungen negiert werden und die teilweise als kontrafaktisch bezeichnet werden muss.

Ausgehend von den erkenntnistheoretischen Überlegungen, die im Beitrag von Karin Reichenbach vorgestellt werden, soll der Vortrag anhand von konkreten Fallbeispielen zeigen, wie in Teilen des archäologischen Reenactment (teilweise bewusst) bestimmte Bilder einer Vergangenheit konstruiert werden, aus welchen (außerarchäologischen) Diskursen diese stammen und zu welchen Verzerrungen im Hinblick auf den allgemeinen Forschungsstand diese führen. Daneben soll aufgezeigt werden, wie langlebig diese erzeugten Bilder gerade im außerwissenschaftlichen Diskurs sind und zu welchen sich gegenseitig perpetuierenden Wechselbeziehungen diese führen.

Rüdiger Krause (Frankfurt a. M.) / Rupert Gebhard (München), Das Narrativ von Bernstorf. Wissenschaftliches und Postfaktisches zu den Gold- und Bernsteinfunden

Das Narrativ von Bernstorf besteht derzeit je nach Perspektive und Betrachter aus wissenschaftlichen Daten und Fakten ebenso wie aus Konstrukten wissenschaftlicher Halbwahrheiten und Unterstellungen. Mit der Auffindung der Goldbleche und der verzierten Bernsteine in Bernstorf, der größten Befestigung der mittleren Bronzezeit nördlich der Alpen, wurden 1998 und 2000 unmittelbar Fälschungsvorwürfe gegen die Finder, Mitglieder des Archäologischen Vereins Freising, vorgebracht, die bis heute eine zentrale Grundlage für die Fälschungsbefürworter darstellen. In der Folge entwickelten sich bis heute Unterstellungen, menschliche Zerwürfnisse und mit Daten und Argumenten unterschiedlicher Qualität gefütterte wissenschaftliche Konstrukte.

Die so entstandenen alternativen Fakten sollten dabei treffender im Rahmen eines der Legitimation einer bestimmten Position dienenden Rechtfertigungsnarrativs kommuniziert werden. Um es mit dem Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu formulieren (Forschung & Lehre 2/2107), „…deutet der Begriff des Post-Faktischen eine erlebbare Wahrheitskrise zu einem bereits feststehenden Resultat um, zum kaum vermeidbaren Übel“. Deshalb schlägt er vor, das postfaktische Zeitalter besser das „peinliche Zeitalter“ zu nennen, in welchem die Weltgemeinschaft der Wissenschaftler vor dieser Wahrheitskrise kapituliert.

Im Gegensatz dazu streben wir an, aus fundierten wissenschaftlichen Daten und Quellen, Ereignissen und Beobachtungen, ein Narrativ zu entwickeln, das eine konsistente epochenspezifische und übergreifende Darstellung des bronzezeitlichen Bernstorf ermöglicht.

Felix Wiedemann (Berlin), Die Einsichtigkeit der Erzählung. Formen narrativer Evidenz in den historischen Wissenschaften

Alle Wissenschaften streben nach Evidenz, d.h. nach Unmittelbarkeit, Augenscheinlichkeit und Einsichtigkeit ihrer Aussagen und Befunde. Aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive erweist sich Evidenz dabei nicht etwas Gegebenes, sondern als etwas Gewordenes und kann als das begriffen werden, was in einem bestimmten historischen, sozialen und epistemischen Kontext als einsichtig und überzeugend gilt. In jeder Epoche kursieren und konkurrieren verschiedene Evidenzformen, die etwa nach wissenschaftlichen Fachrichtungen, Disziplinen oder Diskursformationen unterschieden werden können.

In diesem Sinne weisen auch die historischen Wissenschaften spezifische Evidenzformen auf, die je nach Disziplin unterschiedliche Gewichtung erfahren. So eignet Evidenz nicht den im Rahmen einer Argumentation angeführten Quellen an, sondern stellt sich als Folge unterschiedlicher Auffassungen darüber ein, was als augenscheinlich oder offenkundig gilt. Der Beitrag wird zunächst die verschiedenen Evidenzformen und ihre Einteilungs­möglichkeiten in den historischen Wissenschaften skizzieren und anschließend auf eine spezifische Evidenzform fokussieren, die in allen ihren Zweigen eine gewichtige Rolle zu spielen scheint: die narrative Evidenz. Mit narrativer Evidenz hat man es dann zu tun, wenn die Überzeugungskraft einer Aussage wesentlich auf der Form der Erzählung basiert und sich nicht aus einem Erzählkontext herauslösen lässt. In den historischen Wissenschaften kommen narrative Evidenzen sowohl auf der Ebene der herangezogenen Quellen (sofern diese als explizite oder implizite Erzählungen begriffen werden können) als auch bei der Einbettung in den forschungsgeschichtlichen Kontext sowie schließlich bei der eigenen Darstellung ins Spiel. Sie erweisen sich mithin nicht erst bei der Vermittlung, sondern bereits bei der Konstitution historischen Wissens als konstitutiv.

Lukas Bohnenkämper (Basel), Schwarz-Weiß-Malereien: Ägypten und Kusch zwischen Afro- und Eurozentrismus

Im europäischen und US-amerikanischen Geschichts- und Rassendiskurs nehmen Ägypten und Kusch als historische Referenzpunkte seit dem 19. Jh. eine zentrale Stellung ein. Bereits Georg W. F. Hegel trennte Ägypter und Punier vom „geschichtslosen“ Schwarzafrika und Vertreter der Hamitentheorie wie Charles G. Seligman und Carl Meinhof festigten diese Trennung durch die Annahme einer überlegenen hamitischen Rasse. In diesem Zusammenhang sind auch William M. F. Petries einflussreiche Hypothese einer kultur­bringenden vorderasiatischen „Dynastic Race“ und James H. Breasteds nordost­afrikanische „Great White Race“ zu nennen. In den USA waren die Frage nach der rassischen Zugehörigkeit der Ägypter und die sich daraus ergebenden Implikationen für die Rechtfertigung der Sklaverei sogar grundlegend für die Entstehung der dortigen Ägyptologie. Seit dem 19. Jh. wird diesen Behauptungen von Forschern wie Martin R. Delany, George G. M. James, William E. B. Du Bois, Cheikh Anta Diop und Molefi Kete Asante die Auffassung entgegengestellt, dass Ägypten und Kusch schwarzafrikanische Gesellschaften und der Ursprung der Zivilisation gewesen seien. Der gesamtgesellschaftliche Diskurs, welcher durch Martin Bernals „Black Athena“ neu angefacht wurde, prägt auch heute noch die akademischen, musealen und massenmedialen Konstruktionen Ägyptens und Kuschs. Die Genese und aktuelle Wirkmächtigkeit dieser Geschichtsbilder sowie die Frage, wie sich die heutige Ägyptologie in diesem Diskurs positioniert beziehungsweise positionieren sollte, werden die Themen des Vortrages sein.

Kerstin P. Hofmann (Frankfurt a. M.), Erzähl mir doch (k)eine Geschichte(n)!

Dass man in der Archäologie nicht nur ausgräbt, sammelt, beschreibt und klassifiziert, sondern auch erzählt, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Die Fragen, wie man Geschichte(n) schreiben will und welchen Einfluss unterschiedliche Darstellungsweisen auch auf die Forschungspraxis haben, werden jedoch noch vergleichsweise selten diskutiert. Beschreiben und Erzählen sind nämlich nicht nur zwei unterschiedliche Darstellungsmethoden, sondern auch „grundlegend verschiedene Stellungen zur Wirklichkeit” (Georg Lukács, Erzählen oder beschreiben? Zur Diskussion über Naturalismus und Formalismus. In: Essays über Realismus. Georg Lukács Werke 4. Probleme des Realismus I (Neuwied 1971 [1936]) 197–242; hier: 206). In dem Diskussionsbeitrag geht es u. a. darum, zur Reflexion über die Eignung und Auswirkungen verschiedener Darstellungsformen und -methoden bei der Erforschung und Vermittlung von Brechungen, (Un)Kenntnis und Fremderfahrungen, von Raum und Zeit sowie von Sinnordnungen und ihren Hierarchisierungen anzuregen. Dabei sollen auch ethische Implikationen, die Möglichkeit der Abgrenzung von Fakten und Fiktionen und die Chancen und Risiken einer Orientierung an Kunst, Literatur und neuen anderen Medien angesprochen werden. Ist es wirklich sinnvoll, der immer lauter werdenden Forderung nach Narrativen nachzugeben? Was können uns narratologische und medienwissenschaftliche Theorien und Forschungen über unsere Wirklichkeits(re)konstruktionen und Forschungspraktiken lehren?

Stefan Solleder (Berlin), Wann ist die Rekonstruktion der Vergangenheit wissenschaftlich? Theoretische Überlegungen anhand des Falls „Nordirlandkonflikt“

Die Konstruktion und Benutzung von Geschichte(n) und historischen Mythen für politische Zwecke ist charakteristisch für den Nordirlandkonflikt. Beide Seiten, pro-irische Katholiken und pro-britische Protestanten, erschaffen ihre jeweiligen ethnischen Gruppen-Identitäten mit Bezug auf mythologische und historische Ereignisse (u.a. durch das Malen propagandistischer Wandbilder in den Straßen ihrer Hochburgen, sog. Murals). Die Ereignisse reichen von der jüngsten Vergangenheit über die 1910er Jahre, das 18., 17. und 11. Jh. bis in früh- und vorgeschichtliche Zeiten zurück. Charakteristisch ist jeweils, dass Mythen, historische Ereignisse und ‚Fakten‘ so interpretiert werden, dass sich mit ihnen Jahrhunderte oder gar Jahrtausende umfassende Kontinuitäten erschaffen lassen. Ersten geht es hier um die Konstruktion einer althergebrachten Feindschaft, zweitens um die Konstruktion einer uralten kulturellen Gruppe und drittens darum, territoriale Herrschaftsansprüche auf Nordirland zu legitimieren.

Auffällig ist an den Konstruktionen, dass sie – oftmals auf subtile Art und Weise – Geschichte in eine spezifische Richtung deuten durch Auslassungen, Betonungen, Verdrehungen, Interpretationen oder fehlendes Hinterfragen.

Der subjektive und kritisierbare Standpunkt der Produktion ethno-nationalistischer Geschichtsschreibung lässt sich daher relativ leicht identifizieren. Das Problem im Anschluss hieran besteht jedoch darin, den Standpunkt der Kritik an der ethno-nationalistischen Geschichtsschreibung exakt zu benennen. Was kann an der Arbeit der Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften besser – und nicht nur anders sein? Die These dieses Vortrags hierzu lautet, dass Wissenschaft dann ‚besser‘ sein kann, wenn sie einen besonderen ethischen und nicht nur einen besonderen methodologischen Standpunkt einnimmt, d.h., wenn sie Kritik nicht nur erträgt, sondern geradezu erwartet und aktiv herausfordert. Ethno-Nationalisten ertragen i.d.R. Kritik nur schwer, erwarten tun sie gar nicht und sie betrachten ihre Sichtweisen als ewige Wahrheiten.

 

Bärbel Auffermann (Mettmann), Von der Schatzkammer zum sozialen Raum

Museen halten sich in der eigenen Wahrnehmung für bedeutende Orte der Vermittlung von Vergangenheit, dabei haben ihnen im 21. Jahrhundert andere Medien längst den Rang abgelaufen. Der Vortrag zeigt Wege auf, mittels derer Museen heute versuchen, relevant zu bleiben. Im Neanderthal Museum verstehen wir uns als Lobbyisten für Evolutionslehre und Menschheitsgeschichte. Wir machen vielschichtige Vermittlungsangebote und bedienen unterschiedliche Kommunikationswege, um möglichst viele Zielgruppen zu erreichen. Das Badische Landesmuseum Karlsruhe denkt seine Dauerausstellung derzeit radikal neu und möchte sich als authentischer und sozialer Raum öffnen. Diese und weitere Beispiele werden aufgezeigt und hinterfragt. Reichen diese Maßnahmen aus, um von der Gesellschaft weiterhin als vertrauenswürdige Institutionen akzeptiert zu werden? Welche weiteren Schritte einer breiten Öffnung sind denkbar?

Laura Löser (München), Mut zur Lücke. Ein Plädoyer für Bedeutsamkeit und Chance von Unsicherheit in archäologischer und historischer Museumsvermittlung

Dürfen sich die Archäologien zu Unsicherheiten bekennen, wenn ihre Legitimität in der Gesellschaft ohnehin schon in Zweifel steht? Nein, so möchte ich in meinem Paper argumentieren, vielmehr stehen sie sogar in der Pflicht, die Öffentlichkeit über die grundsätzliche Fragwürdigkeit ihrer Ergebnisse aufzuklären.

Denn ein weitverbreitetes Missverständnis in der Bevölkerung ist, dass die Archäologie hauptsächlich dazu diene, die Vergangenheit zu illustrieren, nicht aber, sie zu verstehen [Nick Merriman, „Involving the Public in Museum Archaeology”. In: Robin Skeates (Hrsg.): Museums and Archaeology (Oxford/New York 2017) 550] Dass sich unter dieser Voraussetzung eine nachhaltige Wertschätzung für die Archäologien nicht halten kann, leuchtet ein. Daher sollten Vertreter*innen der archäologischen Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere in den Museen, fragwürdige Forschungsergebnisse nicht verstecken, sondern zur Diskussion stellen. So stärken sie das Bewusstsein für die Komplexität und die Bedeutung von archäologischer Forschung in der Gesellschaft.

In meinem Paper möchte ich jedoch dafür plädieren, noch einen Schritt weiter zu gehen und in einen Dialog mit den Menschen zu treten. Im Austausch mit der interessierten Öffentlichkeit werden wir immer wieder mit Problemen konfrontiert, die vermeintlich längst beantwortet sind. Wenn wir uns jedoch wirklich noch einmal die Quellen vornehmen, stellen wir nicht selten fest, dass unsere Antworten so eindeutig dann doch nicht sind. Die Fragen und Vorstellungen unseres Publikums kann und sollte daher unsere Arbeit befruchten, und wir sollten keine Angst davor haben, ihm ein gewisses Maß an Freiheit zuzumuten: am Beispiel einer kreativen Schreibwerkstatt, die ich kürzlich am Landesmuseum Mainz durchführen durfte, möchte ich den Stellenwert von Kreativität und Fantasie im Kontext von Museumsvermittlung erläutern.

Doris Gutsmiedl-Schümann (Berlin), Archäologiestudiengänge zwischen (re)konstruierter Vergangenheit und historischer Wahrheit

„In der Schule geht es um Antworten, an der Uni geht es um Fragen“ [Dr. Karin Beck, Leiterin des Colleges der Leuphana-Universität Lüneburg in einem Interview auf Spiegel Online am 6.5.2013 (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/helikopter-eltern-hochschulen-entdecken-eltern-als-zielgruppe-a-897649-4.html [11.12.2017])].: Dieser Perspektivwechsel stellt für Studierende, gerade zu Beginn Ihres Studiums, eine große Herausforderung dar. In diesem Kontext ist m.E. zu sehen, dass Studierende mitunter erwarten, historische Wahrheiten gelehrt zu bekommen oder von ihren Lehrenden die Präsentation der einen, gültigen Geschichte einfordern.

Wie gehen die aktuellen Archäologiestudiengänge damit um? Zu welchen Zeitpunkt im Studienverlauf, in welchem Umfang und im Rahmen von welchen Modulen setzen sich die Studiengänge mit generellen erkenntnistheoretischen Problemen wie der im Call for Papers genannten Beobachterabhängigkeit gegenüber Erkenntnisgegenständen sowie fachspezifischen Aspekten wie der (Re)Konstruktion von Vergangenheitsentwürfen auseinander? Wird in den  Studiengängen die wissenschaftlichen Herangehensweisen an archäologische Quellen in diesem Kontext  problematisiert; wenn ja, wie und in welchem Rahmen? Wie wird in den Studiengängen gegenüber den Studierenden als künftigen Multiplikatoren archäologischer Themen Vergangenheit (re)konstruiert und vermittelt?

Ich möchte mich in meinem Beitrag auf Grund einer Analyse der aktuellen Studien- und Prüfungsordnung sowie der Modulpläne archäologischer Bachelor- und Masterstudiengänge mit diesen Fragen auseinandersetzen. Zugleich möchte ich diskutieren, wie sich im Kontext aktueller hochschuldidaktischer Konzepte die Studiengänge der Herausforderung der Vermittlung dieser mitunter schwierigen Fragen stellen können.

Jana Anvari (Berlin) / Eva Rosenstock (Berlin), Neolithic Doom: negative Darstellungen der Neolithisierung in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen

In den letzten Jahren und Jahrzehnten findet sich in populärwissenschaftlichen Medien (Büchern, Zeitungsartikeln, Blogs, Schullehrmaterialien) zunehmend die Meinung, der Übergang zur bäuerlichen Lebensweise im Neolithikum stelle eine große Fehlentwicklung dar. Weltweit habe die Neolithisierung zu bis heute spürbaren großen sozialen und gesundheitlichen Problemen sowie Umweltschäden geführt. Diese Veröffentlichungen bilden eine Paralleldiskussion, aus der kaum Austausch mit Archäologen stattfindet und deren Ansichten in einem ambivalenten Verhältnis zur archäologischen Diskussion ähnlicher Forschungsfragen stehen. Eine besondere Relevanz ergibt sich aus dem Umstand, dass die Autoren solcher Werke – von denen einige große Verbreitung und Aufmerksamkeit erfahren haben – eine (prä)historische Narrative häufig mit negativen Aussagen über die Gegenwart und Zukunft verbinden. Basierend auf einer empirischen Inhaltsanalyse einer repräsentativen Stichprobe von Medien strebt dieser Vortrag eine erste umfassende Beschreibung des ‚Neolithic Doom‘-Phänomens an. Forschungsfragen sind dabei: Welche negativen Folgen der Neolithisierung werden postuliert? Welche (archäologischen und anderen) Fallbeispiele werden zur Unterstützung herangezogen? Welche Zukunftsvisionen werden beschrieben? Ausgehend von dieser Analyse wird der Vortrag die Einbettung des ‚Neolithic Doom‘-Phänomens in philosophische und weltanschauliche Strömungen seit der Vormoderne beschreiben und diskutieren, welche Folgerungen sich für die archäologische Praxis ergeben.

CfP AG TidA und FAiG Halle 2018 – Deadline 15.12.2017

Wir möchten ganz herzlich dazu einladen, an der von uns zusammen mit dem Forum Archäologie in Gesellschaft organisierten Sektion auf der Verbandstagung in Halle vom 19. bis 22. März 2018 teilzunehmen und auch mit einem eigenen Vortrag beizutragen. Mit „(Un)Sichere Geschichte(n): Archäologie und (Post)Faktizität“ greifen wir ein aktuelles Thema auf und hoffen auf rege Diskussion. Nähere Informationen findet Ihr im Call for Paper. Die Deadline für die Einsendung der Vortragsanmeldungen (Titel, Abstract von ca. 250 Wörter und Kurzbiographie) an vorstand@v22016073679635713.nicesrv.de ist der 15. Dezember 2017. Da wir bereits am 20. Dezember 2017 ein Programm an die Veranstalter schicken sollen, bitten wir diesmal um besonders pünktliche Einreichung.

Wir freuen uns auf zahlreiche spannende Vortragsvorschläge!

Internationaler Workshop „Gender Transformations in Prehistoric and Archaic Societies“ 8.-10. März 2018 in Kiel

Vom 8.-10. März 2018 findet in Kiel der Internationale Workshop „Gender Transformations in Prehistoric and Archaic Societies“ statt.

„Innerhalb des Geflechts der unterschiedlichen Komponenten sozialen Verhaltens, nimmt die Kategorie des sozialen Geschlechts in den Gesellschaften von den spätpleistozänen sammelnden und jagenden Gruppen bis zu den frühstädtischen Gemeinschaften eine dominante Rolle ein. So kann eine deutliche Interaktion zwischen Geschlechteridentitäten, sozialer Vielfalt und den im SFB 1266 untersuchten Transformationsprozessen in prähistorischen und archaischen Perioden erwartet werden. Mit dem Workshop möchten wir eine Plattform anbieten für Diskussionen über a) Geschlechtertransformationen in der Vergangenheit und b) die Auswirkungen von Geschlechterungleichheiten auf den wissenschaftlichen Diskurs in unserer Forschungsgemeinschaft.“

Organisiert wird er am SFB 1266 “Scales of Transformation: Human-Environmental Interaction in Prehistoric and Archaic Societies” von Julia Katharina Koch.

Die Deadline des CfP ist der 31. Oktober 2017. Details dazu findet Ihr hier.

Call for Participation & Posters ‚Altertumswissenschaften und Architektursoziologie im Dialog – Theorien, Methoden und Chancen‘, Workshop vom 23.-25.11.2017

Vom 23.-25.11.2017 findet an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ein Workshop im Open-Space-Format (World Café) zum Thema ‚Altertumswissenschaften und Architektursoziologie im Dialog – Theorien, Methoden und Chancen‚ statt, der sich explizit an Jungwissenschaftlerinnen und Jungwissenschaftler richtet.

Anmeldungen zur Teilnahme und Abstracts für Posterpräsentationen oder vergleichbarer Formate (nach Absprache) können bis einschließlich 15. September 2017 eingereicht werden bzw. erfolgen.

Weitere Hinweise und Informationen sind bitte dem Call for Participation and Posters zu entnehmen.

Wir freuen uns über zahlreiche Anmeldungen und interessante Postervorschläge,

Stephanie Merten und Martin Renger

Programm der Sektion „Frage Migration! – Erkenntnistheorien, Argumente, Modelle, Paradigmen“

Datum: Dienstag, 4.07.2017
Ort: 9. Deutscher Archäologiekongress, 03. – 08.07.2017 in Mainz

Les migrations. Foto: Jodi Green. https://www.flickr.com/photos/jodigreen/9596651970/. CC BY-NC-ND 2.0
Les migrations. Foto: Jodi Green. https://www.flickr.com/photos/jodigreen/9596651970/. CC BY-NC-ND 2.0

Programm (auch hier zum downloaden)

08.45 Uhr • Organisator*innen der AG TidA • Einführung – Frage Migration!
09.00 Uhr • Sabine Reinhold • Völkerwanderung 2.0 oder Wieviel Biologie braucht der Transfer kulturelle Praktiken?
09.30 Uhr • Kerstin P. Hofmann • Migrationsnarrative. Konzepte, Methoden und Repräsentationsformen im Vergleich

10.00 Uhr • Kaffeepause

10.30 Uhr • Michael Kempf • Klima, Kollaps, Katastrophe? – interdisziplinäre Ansätze zur Abschätzung von klimainduzierter Umweltkrise und Migration
11.00 Uhr • Stefanie Eisenmann • Gruppen in Genetik und Archäologie: Die Frage nach der Nomenklatur genetischer Cluster
11:30 Uhr • Corina Knipper, Tivadar Vida, István Koncz, János Gábor Ódor, Ildikó Katalin Pap, Balázs Gusztáv Mende • Mobilität während der Völkerwanderungszeit: Implikationen von Strontium-Isotopendaten von Gräberfeldern des 5. und 6. Jh. in Westungarn
12.00 Uhr • Wolfgang Haak • Über Migrations- und Vermischungsnarrative der Archäogenetik

12.30 Uhr • Mittagspause

14:00 Uhr • Michael Werner • Migration und Raum – ein handlungstheoretischer Ansatz
14:30 Uhr • Martin Furholt • Migration, Mobilität und die Struktur sozialer Gruppen im europäischen Neolithikum
15:00 Uhr • Thomas Hoppe – Stefan Schreiber, Birgit Schorer, Maxime Rageot, Angela Mötsch, Janine Fries-Knoblach, Dirk Krausse, Cynthianne Spiteri, Philipp W. Stockhammer • Was haben Dinge mit Migrationen zu tun? Einblicke in komplexe „Mensch-Objekt-Wanderungen“ am Beispiel von Fundensembles aus Hochdorf und der Heuneburg

15.30 Uhr • Kaffeepause

16:00 Uhr • Blandina Cristina Stöhr • Migrationen, Identität und Angst – Das Fallbeispiel Griechenland und die Geflüchteten. Eine ethno-archäologische Projektskizze
16.30 Uhr • Martin Renger • Frage Migration? Antwort Ungleichheit! Ein Kommentar zum aktuellen Forschungsdiskurs und ein Plädoyer für einen Perspektivwechsel

17:00 Uhr • Abschlussdiskussion

17.30 Uhr • Mitgliederversammlung


 

Abstracts

Völkerwanderung 2.0 oder Wieviel Biologie braucht der Transfer kultureller Praktiken?
Sabine Reinhold
Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, Berlin

Mit dem Wiedererstarken von großräumigen Migrationsparadigmen als Erklärungsmoment für Veränderungen in der Struktur prähistorischer Kulturen kehrt ein Paradigma zurück, das wir eigentlich überwunden geglaubt hatten. Insbesondere der Nachweis biologischer Zusammengehörigkeit über aDNA-Analysen lässt die These des Zusammenhangs von materieller Kultur und deren Überreste mit biologischer Verwandtschaft und ethnischer Homogenität in einem neuen Licht erscheinen. Was Gustaf Kossinna seinerzeit positiv beantwortet und als Ausgangspunkt komplizierter Expansionsszenarien gesehen hat, wurde seither lange eher verneint. Das kulturelle Handeln, die soziale Praxis, wurde ins Zentrum von Identitätsdiskursen gerückt und höher gewichtet als biologisch-verwandtschaftliche Bindungen. Abstammung konnte fiktiv sein und Identität war allein sozial konstruiert.
Mit den neuen bioarchäologischen Analysemethoden geraten solche Positionen in Wanken. Es scheint doch auch biologische – oder vor allem biologische? – Verbindungen zwischen den Leuten zu geben, die etwa ihre Toten in derselben Form begraben oder eine vergleichbare Region bewohnen. Doch wieviel Biologie steckt hinter einer archäologischen Kultur? Oder großräumigen Phänomenen wie etwa den Glockenbechern, oder der osteuropäischen Jamnaja-Kulturgemeinschaft, die sich einerseits durch weiträumig ähnliche kulturelle Praxis auszeichnen und gleichzeitig aber lokale Eigenheiten besitzen? Insbesondere in Eurasien werden mittlerweile Massen an Bevölkerungen über riesige Distanzen verschickt, für die die archäologischen Belege einer kulturellen Kohärenz eher schwach sind oder ganz fehlen.
Hier gilt es einerseits Mobilitätskonzepte neu zu definieren und andererseits zu hinterfragen, was bedeutet es eigentlich in der Realität, wenn die Kern-DNA-Analyse eine biologische „Verwandtschaft“ oder „Abstammung“ zu einem bestimmten Prozentsatz nahelegt? Mit dem Thema „Migration“ müssen eben nicht die anderen Narrative wie klar definierten Kulturgruppen, die wandern, von Landnahmen und ähnlichem zurückkehren. Vielmehr können neue Mobilitätskonzepte entwickelt werden, die kulturelle und/oder biologische Zusammengehörigkeit in einen befriedigenden Rahmen setzen.


Migrationsnarrative. Konzepte, Methoden und Repräsentationsformen im Vergleich
Kerstin P. Hofmann
Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Frankfurt a.M.

Migrationen sind nicht nur heute, sondern waren auch früher schon oft Thema von Erzählungen. In der Historiographie werden Migrationen zudem immer wieder als eine der zentralen Gründe für kulturellen und sozialen Wandel angeführt. Nicht nur unterschiedliche Handlungstragende, sondern auch verschiedene Konzepte von Mobilität, Raum, Zeit und Identität spielen dabei eine Rolle. Auch die Methoden des Nachweises von Migrationen und ihre Repräsentationsformen differieren erheblich. Am Beispiel der wikingerzeitlichen Migration von ‚Nordmännern‘ nach Britannien während der Wikingerzeit sollen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Wechselwirkungen verschiedener Migrationserzählungen aufgezeigt werden.


Wolf im Schafspelz – Schaf im Wolfspelz? Prähistorische Mobilität im Fokus von Molekularbiologie und Archäologie
Stefan Burmeister
Museum und Park Kalkriese

Der Mensch ist ein homo migrans; menschliche Mobilität war und ist eher der Regelfall als die Ausnahme. Von daher sind Migrationen ein zentraler Untersuchungsgegenstand der archäologischen Forschung – oder sollten es zumindest sein. Vielfach waren Wanderungen jedoch mehr axiomatische Setzungen zur Erklärung von Kulturwandel als selbst eigener Gegenstand der Forschung. Die methodologischen Probleme einer genuinen Migrationsarchäologie diskreditierten diese vielfach als eigenständigen Forschungsansatz. Die neuen Methoden der Molekularbiologie (Genetik, Isotopie) führen die Archäologie aus ihrer epistemologischen Sackgasse. Das ist unstrittig – die Naturwissenschaften liefern hier ein „Heilsversprechen“.
Wer jedoch Kritik an den beeindruckenden Ergebnissen etwa der Genetik äußert, steht schnell im Verdacht, sich dem Fortschritt zu widersetzen und alte Pfründe einer nicht mehr haltbaren Deutungsmacht zu verteidigen. Doch so einfach ist es nicht. Die neuen, durch genetische Analysen untermauerten Modelle prähistorischer Wanderungen lassen sich zwanglos in Geschichtsbilder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts einfügen. Finden diese Narrative hier ihre Bestätigung oder sind die Deutungen genetischer Befunde nicht doch eher kontaminiert mit überkommenen Geschichtsbildern? Für letzteres lassen sich zahlreiche Beispiele anführen – hierüber gilt es sich auseinanderzusetzen.


Klima, Kollaps, Katastrophe? – interdisziplinäre Ansätze zur Abschätzung von klimainduzierter Umweltkrise und Migration
Michael Kempf
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung Frühgeschichtliche Archäologie und Archäologie des Mittelalters

Migration eher als Prozess und nicht als Ereignis anzusehen, betont den Anspruch, einen umfassenden Überblick über die vielen ‚push‘ und ‚pull‘ Faktoren zu erlangen, die Wanderungsbewegungen auslösen können. Inwiefern sich jedoch zwischen lokalem Druck in der Heimat und Anziehungskraft in der Ferne unterscheiden lässt, oder ob eine Kombination beider Faktoren möglich ist, erschließt sich nicht zwangsläufig. Um diese Fragen zu klären verweisen ereignisbasierte Theorien interdisziplinärer Forschungsansätze gerne auf absolute Konformität von ‚Klima-Event‘ und ‚Response‘.
Allzu leicht nur scheinen sich historische Ereignisse, Perioden oder Entwicklungen in klimadeterministische Abläufe einflechten zu lassen: Der ‚Niedergang des römischen Reiches‘ – gleichzeitig eine Periode starker Klimaschwankungen, verbunden mit hohen Niederschlagsraten. Die ‚Völkerwanderung‘ – Trockenheit, abrupte Abkühlung, Dürre, Missernten und Überschwemmungen. Die ‚Justinianische Pest‘ – Konsequenz einer zehnjährigen Klimaveränderung, zurückzuführen auf eine Serie von Vulkanausbrüchen nach 536 n. Chr. Scheinbar beliebig lässt sich die Liste der verheerenden Auswirkungen auf soziale und politische Instrumente und Systeme des 3.-6. Jahrhunderts n. Chr. fortsetzen. Doch welcher Fragestellung unterliegen die Behauptungen der naturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit einem, auch in politischer Sicht dominierenden Thema des ausgehenden 20. und des frühen 21. Jahrhunderts? Der Versuch, sich verändernde politische Gebilde und Räume mit drastischen Einschnitten im klimatischen Haushalt zu kombinieren und zu erklären, verleitet zu einer einseitigen Betrachtungsweise von kulturgeschichtlichen Entwicklungen – die vor allem in kleinräumigen Ordnungen ablaufen. Inwieweit ist Gleichzeitigkeit ein Indiz für Kausalität? Und handelt es sich nicht vielleicht eher um eine konstruierte Verknüpfung zweier Ereignisse zu einem Narrativ? Dieser Beitrag soll einen weiten Bogen schlagen: Neben der Vorstellung naturwissenschaftlicher Parameter und Proxy werden Fragen der globalen Klimageschichte erarbeitet und auf regionalen Maßstab heruntergebrochen, um mögliche Migrationsbewegungen im archäologischen Befund aufzudecken.


Gruppen in Genetik und Archäologie: Die Frage nach der Nomenklatur genetischer Cluster
Stefanie Eisenmann
Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena

Zahlreiche Publikationen aus dem Bereich der Genetik widmen sich der Erforschung von Mobilität. Die Studien konzentrieren sich in diesem Zusammenhang nicht auf den Nachweis von Bevölkerungsverschiebungen auf kleinräumiger Ebene, sondern stellen die großen Narrative in der Urgeschichte, wie die Neolithisierung oder die weitreichenden kulturellen Veränderungen in Mitteleuropa am Ende des Neolithikums, wieder in den Fokus. Sie laufen damit dem Trend zu detaillierten Lokalstudien, der sich in der archäologischen Forschung beobachten lässt, entgegen.
Während erste kleinere DNA-Serien an menschlichem Skelettmaterial Ende der 90er Jahre bereits das Potenzial dieser Analysen für die Erforschung urgeschichtlicher Migrationen aufzeigten, haben jüngste technologische Weiterentwicklungen, wie das Next Generation Sequencing, Shotgun Sequencing und Hybridisation Enrichment, die Anwendungsmöglichkeiten hin zu großen Probenreihen maßgeblich erweitert. Man könnte von einer Kommerzialisierung des Fachbereichs Archäogenetik sprechen, ähnlich wie ihn andere bioarchäologische Disziplinen, bspw. die Analyse stabiler Isotopen, bereits durchlaufen haben.
Im Mittelpunkt des Vortrags steht eine theoretische Problematik, die aus der Ausweitung der Probenreihen in alt-DNA Studien folgt. Nach der Sequenzierung werden die einzelnen Individuen auf Grundlage ihrer genetischen Ähnlichkeiten, für gewöhnlich mit Hilfe einer Principal Components Analysis, in Gruppen zusammengestellt. Die Benennung dieser
genetischen Cluster erfolgt bislang nach keinem festgelegten System, stellt jedoch einen zentralen Schritt in der Überführung der naturwissenschaftlichen Daten in die archäologische Interpretation dar. Die Entwicklung einer allgemeinen Nomenklatur sollte daher im lebendigen Dialog zwischen den Vertretern beider Disziplinen – der Archäologie und der Genetik – erfolgen.
Erste Schritte in diese Richtung wurden bei einem Workshop des neu gegründeten „Max Planck Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranean“ (kurz: MHAAM) im Februar dieses Jahres unternommen, und sollen im Rahmen des Archäologiekongresses zur Diskussion gestellt werden.


Mobilität während der Völkerwanderungszeit: Implikationen von Strontium-Isotopendaten von Gräberfeldern des 5. und 6. Jh. in Westungarn
Corina Knipper1, Tivadar Vida2, István Koncz2, János Gábor Ódor3, Ildikó Katalin Pap4, Balázs Gusztáv Mende5
1 Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH, Mannheim; 2 Eötvös Loránd University, Institute of Archaeological Sciences, 1088 Budapest, Múzeum körút 4/B, Hungary; 3 Wosinsky Mór Múzeum, Szekszárd; 4 Savaria Museum, Szombathely; 5 Archaeological Institute, Research Centre of the Humanities, Hungarian Academy of Sciences, 1014, Budapest, Úri u. 49, Hungary

Das Karpatenbecken ist ein Schlüsselgebiet historischer und archäologischer Forschung zur Völkerwanderungszeit. Schriftquellen überliefern eine komplexe Abfolge von Bevölkerungsgruppen des 5. bis 7. Jh., darunter Hunnen, Gepiden, Langobarden und Awaren. Die reichhaltigen archäologischen Hinterlassenschaften der Gräberfelder offenbaren räumliche Unterschiede von Bestattungsbräuchen und Grabbeigaben sowie Veränderungen dieser Merkmale im Laufe der Zeit. Dennoch mag eine unreflektierte Assoziation historischer Einheiten mit anhand von materieller Kultur und Bestattungsbräuchen herausgearbeiteten Gruppen der historischen Situation nicht immer gerecht werden. Zu bedenken sind die Dynamik ethnischer Gruppen und mögliche Verschiebungen externer Zuweisungen in Richtung historisch aktiver Führungspersönlichkeiten und militärischer Einheiten. Derzeit widmet sich ein ungarisch-deutsches Projekt der Spezifizierung der Rolle tatsächlicher Residenzwechsel von Menschen während der Völkerwanderungszeit. In einer interdisziplinären Herangehensweise verknüpft es historische, archäologische und anthropologische Informationen mit den Resultaten von Isotopenanalysen (Sr, O, C, N) an ausgewählten Gräberfeldern aus dem Karpatenbecken. Erste Ergebnisse zeigen für zwei Fundstellen in Westungarn eine große Bandbreite von Strontium-Isotopenverhältnissen im Zahnschmelz erwachsener Individuen, während sich die Analysedaten der Zähne von Kindern überwiegend in engen Wertebereichen konzentrieren. Diese Muster sprechen sowohl für Wohnortwechsel im Laufe des Lebens der meisten Personen, als auch für Siedlungs- und Bestattungskontinuität über mindestens mehrere Jahre an einem Ort. Um genauere Einblicke in die Rolle von Mobilität im täglichen Leben der Menschen und ihre Bedeutung für die Aufrechterhaltung überregionaler Kontakte zu erlangen, wird der Vortrag die Analyseergebnisse mit Modellen zu Residenzwechseln von Gruppen verschiedener Größe und einzelner Individuen konfrontieren.


Über Migrations- und Vermischungsnarrative der Archäogenetik
Wolfgang Haak
Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena

Die Ergebnisse archäogenetischer Studien vor allem der letzten 3 Jahre haben den Diskurs um Migration menschlicher Gruppen in der Vor- und Frühgeschichte nicht nur wiederentfacht, sondern auch im Spiegel aktueller gesellschaftspolitischer Ereignisse wieder direkt in den Vordergrund gerückt. Aus Sicht der Archäologie werden diese Ergebnisse – und vor allem deren Interpretation – mit großem Bedenken wahrgenommen, nicht zuletzt weil die vermeintliche Verbindung von biologischem Substrat (d.h. gemeinsamer Abstammung), materieller Kultur und eventuell auch Sprachen bereits tot geglaubte Geister des Faches heraufbeschwört.
Zweifellos sind die beteiligten Fächer, d.h. Archäologie, Anthropologie, Genetik und Linguistik durch diesen Diskurs wieder näher zusammengerückt, allerdings bedarf es nach wie vor noch deutlich mehr gemeinsamen fachübergreifenden Dialog und Kommunikation, um die noch sehr großen Missverständnisse um die wissenschaftstheoretischen Ansätze und Methodik aller Disziplinen besser zu verstehen.
In diesem Vortrag möchte ich die populationsbiologischen Konzepte hinter den genetischen Erbnissen der alten DNA- Studien erläutern, um deren Potenzial, Chancen und auch Grenzen aufzuzeigen. Gleichsam soll eine solche Darstellung die Auflösungsstärke verschiedener biologischer Markersysteme und Analysenmethoden verdeutlichen, um deren Aussagekraft im Licht archäologischen Kontexts aber auch neutraler Hypothesentests besser einschätzen zu können.


Migration und Raum – ein handlungstheoretischer Ansatz
Michael Werner
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie / Archäologie des Mittelalters

Migration wird als dauerhafte, räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes definiert. Migration findet nicht in einem abstrakten Raum statt, sondern ist an räumliche Bedingungen gebunden und wird durch diese bestimmt, hat aber auch selbst prägende Wirkung auf diese räumlichen Bedingungen.
Bei der Beschäftigung mit Migration spielen deshalb Raumkonzepte eine entscheidende Rolle. Dabei stehen sich stark geodeterministische Vorstellungen der klassischen Kulturgeographie und konstruktivistische, handlungsorientierte Vorstellungen der ‚Neuen Kulturgeographie‘ (z.B. Denis Cosgrove und Benno Werlen) gegenüber.
In den grand narratives wird Migration oft kausal auf naturräumliche Bedingungen, beispielsweise (sich wandelnde) Klimabedingungen zurückgeführt. Migration wird als kollektive Antwort der Bevölkerung eines bestimmten Raumes, auf die dort vorgefundenen Bedingungen betrachtet. Diese Antwort ist der Übertritt in einen anderen Raum der vorteilhaftere Bedingungen bietet. Die betroffenen Räume bleiben davon unbetroffen.
Bei zu Grunde liegenden konstruktivistischen, handlungsorientierten Raumkonzepten hingegen, werden Migrationsprozesse ambivalent gesehen, d.h. sie sind einerseits Ausdruck bestehender sozioökonomischer Disparitäten, andererseits fungieren sie als Treiber sozialer, ökonomischer und räumlicher Innovationen. Der Einfluss von Migrationsprozessen auf die räumliche und soziale Organisation des Herkunfts- und Ankunftskontextes sowie reziprok der Einfluss der übergeordneten gesellschaftlichen und räumlichen Strukturen auf die Akteure und deren Handeln – die damit verbundenen Diskurse und Symboliken eingeschlossen – entfalten eine doppelte Wirkmächtigkeit. Diese wird in der Literatur auch als ‚räumliche Definitionsmacht‘ konzeptualisiert.


Migration, Mobilität und die Struktur sozialer Gruppen im europäischen Neolithikum
Martin Furholt
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Ur- und Frühgeschichte

Es ist bemerkenswert und teils beunruhigend, wie Diskussionen um prähistorische Migrationsphänomene in der Archäologie aktuelle politische Auseinandersetzungen spiegeln. So wird eine Reihe von fragwürdigen Prämissen über soziale Gruppen häufig unreflektiert dazu verwendet, stereotype Gesellschaftsbilder des frühen 20. Jahrhunderts zu propagieren, und durch ihre vermeintliche Gültigkeit in der Urgeschichte zu naturalisieren. Entscheidend hierbei ist das Vorurteil der wholeness sozialer Phänomene (n. Greenblatt 2009), d.h. die prämissenhafte Vorstellung einer Abgeschlossenheit und Homogenität sozialer Gruppen und eine auf dem selben Prinzip aufbauende Vereinfachung und Vereinheitlichung von sozialen Phänomenen, wie etwa der „Migration“. Auf dieses Vorurteil aufbauend werden in Kossinna´scher Manier kulturell geschlossene Einheiten künstlich erzeugt, einander gegenübergestellt und in zeitlich und räumlich klar abgegrenzten Ereignissen Völkerwanderungsszenarien über die Europakarte verschoben. Diese konzeptuelle Verengung sozialer Phänomene auf homogene Schubladen führt dazu, Migration als einen externen Faktor von Gesellschaften zu betrachten, anstatt als innergesellschaftliches Phänomen; sie führt dazu falsche Dichotomien zu erzeugen, etwa den Gegensatz zwischen Migranten und Nichtmigranten, Migration und Diffusion. Diese Verengung in der Archäologie ist umso verwunderlicher, als in der kulturanthropologischen Forschung seit Jahrzehnten intensiv zur Frage von Migration und Mobilität und seinem sozialen Kontext geforscht wird. Hier liegen Modelle sehr unterschiedlicher Migrations- und Mobilitätsmuster vor, die auf unterschiedlichen Skalenebenen angesiedelt sind. Sie bieten die Möglichkeit für die Prähistorische Archäologie, neu über Migration als innergesellschaftlichem Phänomen nachzudenken, und sich intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, welche sozialen Voraussetzungen und Konsequenzen unterschiedliche Formen von Mobilität und Migration haben.
Schließlich ist die Verteilung materieller Kultur im Raum, die ja schon im Rahmen der traditionellen kulturhistorischen Archäologie mit Phänomenen von Migration in Zusammenhang gebracht wurde, entscheidend für die Identifikation und nähere Charakterisierung von Migrations- und Mobilitätsphänomenen in der Urgeschichte. Dies kann und sollte in einem konzeptionellen Rahmen geschehen, der die oben kritisierte pauschalisierende „wholeness“-Prämisse sozialer Phänomene fallen lässt und nicht vermeintlich kulturell kohärente Einheiten mit kollektiver Agency miteinander in Kontakt treten lässt, sondern in einem konzeptionellen Rahmen, der individuelle Handlungen und Entscheidungen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen macht.
In meinem Vortrag soll es vor allem darum gehen, Überlegungen zu Mobilität und Migration in einen Zusammenhang zu den sozialen Prozessen zu stellen, die zur Bildung und Aufrechterhaltung regional (relativ) einheitlicher materieller Kultur (irreführend als „archäologische Kulturen“ bezeichnet) führen. Dies ist mit einer Diskussion der Frage der Struktur und Zusammensetzung sozialer Gruppen verbunden, die unter anderem von den vorherrschenden Mobilitätsmustern beeinflusst werden. Ich werde darstellen, auf welche Weise es möglich ist, über das archäologische Material einen Zugriff auf die spezifischen Muster von Mobilität und Migration und die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Strukturen zu erhalten. Damit kann die Archäologie einen signifikanten Beitrag zur Migrationsdebatte liefern und muss das Feld nicht den Molekularbiologen überlassen.

Literatur: Greenblatt 2009: S. Greenblatt, Cultural Mobility: A Manifesto (Cambridge, UK ; New York 2009).


Was haben Dinge mit Migrationen zu tun? Einblicke in komplexe „Mensch-Objekt-Wanderungen“ am Beispiel von Fundensembles aus Hochdorf und der Heuneburg
Thomas Hoppe1, Stefan Schreiber2, Birgit Schorer, Maxime Rageot, Angela Mötsch, Janine Fries-Knoblach, Dirk Krausse, Cynthianne Spiteri, Philipp W. Stockhammer
1 Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, BMBF-Projekt „BEFIM“; 2 Ludwig-Maximilians-Universität München, BMBF-Projekt „BEFIM“

In den Archäologien wird Migration zumeist mit der Mobilität von Menschen, Diffusion mit der Mobilität von Ideen und Objekten verbunden. Wir möchten diese Trennung in Frage stellen und stattdessen ein Alternativmodell zu Migrationen anbieten, welches die Verflechtung von Menschen, Ideen und Objekten in den Blick nimmt und nach ihren „Wanderungen“ fragt. Am Beispiel von Fundensembles aus Hochdorf und der Heuneburg möchten wir hinterfragen, ob eine Trennung in Migrationen und Diffusionen immer sinnvoll ist. Dazu diskutieren wir die Komplexität der eingegangenen Verflechtungen, aber auch die Vorteile der Perspektive integrativer „Mensch-Objekt-Wanderungen“.


Migrationen, Identität und Angst – Das Fallbeispiel Griechenland und die Geflüchteten. Eine ethno-archäologische Projektskizze
Blandina Cristina Stöhr
Freie Universität Berlin

Durch politische Instabilität und Kriege in Ländern wie z.B. Syrien, Afghanistan, Libanon oder auf den afrikanischen Kontinent flüchten derzeit und zukünftig eine große Anzahl Menschen. Da Griechenland eins der ersten Ankunftsländer für die Flüchtlinge ist, sind die Begegnungen zwischen Einwohnern und Geflüchteten in einzigartiger Weise unmittelbar. In meinem Vortrag skizziere ich ein ethno-archäologisches Projekt, welches sich mit Identitätsaushandlungen in Migrationssituationen auseinandersetzen wird und diese auf einer Mikroebene analysiert. Häufig werden in archäologischen Ansätzen Migrationen entweder als Kollektivphänoneme verstanden oder auf bioarchäologische Marker reduziert. Daher stehen oft die Migrierenden im Fokus. Mir erscheint jedoch die Kommunikation der und mit der Bevölkerung an dieser Stelle genauso wichtig. Wie beeinflusst die konkrete Kontaktsituation die Identitätsaushandlungen innerhalb der griechischen Bevölkerung und was für eine Rolle spielt die Angst „vor“ den Geflüchteten in Bezug auf die persönliche Identität? Wie geht die einzelne Person mit einer solchen Veränderung in seinem Lebensumfeld um und was bedeutet das für die Konzeption von Migrationen in der Archäologie?


Frage Migration? Antwort Ungleichheit! Ein Kommentar zum aktuellen Forschungsdiskurs und ein Plädoyer für einen Perspektivwechsel
Martin Renger
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Archäologische Wissenschaften, Lehrstuhl für Vorderasiatische Archäologie

Die Archäologie steckt in einem Dilemma. Wenn sich gesellschaftliche Verhältnisse in die Architektur einschreiben – wie es beispielsweise Foucault skizziert – oder allgemeiner formuliert in der Materialität soziokultureller Formationen Ausdruck finden, dürften zudem im Ergebnis in Vergegenständlichungsformaten manifest gewordene Prozesse wie Migration fassbar werden, die zweifelsohne transformative Momente und Dynamiken in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens auslöst. Aktuelle Beispiele hierfür sind hinlänglich bekannt und sowohl in staatlichen Maßnahmen wie auch in informellen (urbanen) Strukturen offensichtlich. Der sich dabei ebenso räumlich zeigende Unterschied zwischen dem „wir [?] (hier)“ und „die anderen [?] (dort)“ könnte zurzeit nicht deutlicher hervortreten. Doch welche Hinweise, Einblicke und Rückschlüsse diesbezüglich ermöglichen urgeschichtliche, uns weitaus fragmentierter vorliegende Kontexte? Dass Migration oder allgemeiner Mobilität keine singulär auftretende Erscheinung formiert, sondern eher zur regelhaften Tatsache menschlicher Realitäten gehört, sollte mittlerweile evident sein. Gleichfalls jedoch auch die erkenntnistheoretische Sackgasse aus dingweltlichen Diversitäten, das ‚Fremde‘ oder ‚Neue‘ vom ‚Lokalen‘ und ‚Alten‘ abzugrenzen und mit jeweils dahinterstehenden spezifischen Personengruppen zu besetzen; deren Machbarkeitsdiskussion wurde durch Kramers eindringliche Kritik „Pots are not People!“ 1977 noch einmal entscheidend hinterfragt und inzwischen weitgehend durch andere Erklärungsansätze und Konzepte wie Netzwerkmodelle ersetzt. Das zuweilen ausgereizte und als defizitär empfundene genuin archäologische Rüstzeug wird derzeit durch konkrete naturwissenschaftliche Methoden ergänzt und zu kompensieren versucht, die in der Frage Migration Erfolg versprechen sollen. Doch scheint auch das philosophisch-sozialwissenschaftliche Potenzial hierfür nicht gänzlich erschöpft, muss aber unter veränderten Parametern Betrachtung finden. Dabei liegen weniger Ausgangs- und Endpunkt von Migration, sondern die permanent dadurch ausgelösten bzw. damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse im Zentrum des Interesses. Dieses ist eher an Termini wie ‚Capability‘ sowie ‚Ungleichheit‘ und ihre Sichtbarkeit im archäologischen Befund entlang der sich stets neukonstituierenden Sozialformationen insgesamt orientiert, anstatt zwischen diskursiv durch einen an (National-)Staatlichkeitskonzepten ausgerichteten Migrationsbegriff vorgeprägten gesellschaftlichen Parallelstrukturen abzuwägen.

„Frage Migration! – Erkenntnistheorien, Argumente, Modelle, Paradigmen“- Call for Papers zum 9. Deutschen Archäologiekongress in Mainz am 4.07.2017
Les migrations. Foto: Jodi Green. https://www.flickr.com/photos/jodigreen/9596651970/. CC BY-NC-ND 2.0
Les migrations. Foto: Jodi Green (https://www.flickr.com/photos/jodigreen/9596651970/); CC BY-NC-ND 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/).
Wir laden Euch herzlich ein, an unserer Sektion in Mainz teilzuhaben und teilzunehmen und freuen uns schon auf Eure spannenden Vorträge und Diskussionen. Diesmal widmen wir uns der „Frage Migration!“
Migration – Integration – Kulturtransfer – Hybridität – Globalisierung – Ausgrenzung: Der Diskurs über kulturelle Kontakte, die Auseinandersetzung mit »Fremden« und die damit einhergehenden Transformationen von Gesellschaften ist mittlerweile ein Themenfeld, dessen Aktualität heute nicht augenscheinlicher sein könnte. Das Thema Migration ist zurück im politischen Diskurs und genauso in der Archäologie. Nach einer langen Periode, in der eher lokale und interne Prozesse prähistorischer und antiker Kulturen erforscht wurden, kam 2014/15 mit einem Paukenschlag das Thema zurück in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit der archäologischen Forschung. Auslöser waren u. a. Beiträge aus den bioarchäologischen Disziplinen, die im Titel Schlagworte wie »massive migration«, »tracing the dynamic life story« und ähnliches führten. War massenhafte Migration also doch ein bedeutendes Element prähistorischer Kulturen? Und können wir sie endlich beweisen?
Die aktuellen Migrationsbewegungen nach Europa haben vielschichtige Hintergründe und sie werden kontrovers erlebt. Es ist anzunehmen, dass vorgeschichtliche Bevölkerungsverschiebungen nicht weniger komplex waren. Mit dem aktuellen Call-for-Papers wollen wir zu einer fundierten theoretischen Diskussion des Themenfeldes »Migration« aufrufen. Es geht uns weniger um die Frage, ob es prähistorische Wanderbewegungen gab, als um die theoretischen Konzepte die hier wirksam werden. Welche anderen Analysekategorien und Interpretationsansätze wurden dafür gerade ad acta gelegt? Was bedeutet(e) Migration für die Realität der Akteur*innen? Mit welchen Argumenten kann »Migration« von anderen Phänomenen des Kulturkontakts unterschieden werden? Ist das überhaupt sinnvoll? Müssen mit dem Thema »Migration« auch andere Narrative wie die der Indo-Europäer, von klar definierten Kulturgruppen, die wandern, von Landnahmen und ähnlichem zurückkehren? Oder haben wir nicht auch die Möglichkeit, mit dem neuen Instrumentarium der Bioarchäologie andere Modelle zu entwickeln? Ein Aspekt ist sicher auch die Frage nach den Gewichtungen Geistes- und naturwissenschaftlicher Argumente, und was genau meinen eigentlich Begriffe wie »Migration« oder »Abstammung/ancestry« in diesen Disziplinen. Welche Zeit-, Raum- und Identitätsvorstellungen verbergen sich hinter unterschiedlichen Migrationsmodellen dieser Disziplinen? Und lässt sich damit etwa auch das Zusammenwirken von räumlicher und sozialer Mobilität fassen?
Wir erhoffen uns damit kritische Reflexion und eine stärkere wissenschaftstheoretische Untermauerung eines der momentan spannendsten Themen im Fach.
Vortragsthemen mit einem Abstract von 300 bis 500 Zeichen können bis zum 20.03.2017 an vorstand[at]agtida.de gesendet werden.
Den CfP zum Download gibt es auch hier: CfP TidA – Frage Migration.

Archäologie und Macht. Positionsbestimmungen für die Zukunft der Vergangenheitsforschung. DGUF-Tagung

Vom 5. bis 8. Mai 2016 findet im Berliner Kulturforum die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF) statt.

„Archäologie wird in einem komplexen Kräftespiel betrieben, in dem sich auch entscheidet, wie viel fachlich gesteuerte staatliche Archäologie es künftig noch geben wird und wie stark die archäologischen Institutionen angesichts widerstrebender Interessen auftreten können. Andere Akteure gewinnen derzeit rapide an Einfluss, z. B. in Sozialen Medien. Gesetze, welche die Archäologie massiv beeinflussen, werden beschlossen – und die Archäologie agiert und reagiert kaum. Dabei werden die berufliche Zukunft von Archäologinnen und Archäologen und die Qualität ihres Berufslebens gestaltet, und nicht zuletzt wird das öffentliche Interesse an Archäologie ausgehandelt. Wie kann, wie muss sich Archäologie dabei einbringen, damit das Fach und die Erforschung der Vergangenheit eine tragfähige Zukunft haben?“

Detailliertere Tagungsbeschreibung

Tagungsprogramm und Programmheft