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Programm der Sektion „Mensch – Körper – Tod. Der Umgang mit menschlichen Überresten im Neolithikum“

Am 02.-04.4.2019 veranstalten wir auf der Tagung des West- und Süddeutsche Verbandes für Altertumsforschung (WSVA) und des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung (MOVA) gemeinsam mit der AG Neolithikum eine (vor allem) zeitspezifische Sektion. Thema ist dieses Mal „Mensch – Körper – Tod. Der Umgang mit menschlichen Überresten im Neolithikum“.

Programm (auch hier zum downloaden)

Dienstag, den 02.04.2019

10:00 – 12:30 Uhr • Mitgliederversammlung der AG TidA

12:30 Uhr • Mittagspause

14:00 Uhr • Nadia Balkowski, Kerstin P. Hofmann, Isabel Hohle, Nils Müller-Scheeßel, Almut Schülke, Begrüßung und Einleitung (Organisatorisches und Inhaltliches)
14:50 Uhr • Ulrich Veit, Jenseits von Historismus und Anthropologie: Überlegungen zu einem kulturtheoretischen Rahmen für das Studium neolithischer Praktiken der Totenbehandlung

15:30 Uhr • Kaffeepause

16:00 Uhr • Heidi Peter-Röcher, Gewalt an Lebenden – Gewalt an Toten: zu Kontexten und Interpretationsmöglichkeiten menschlicher Überreste

Mittwoch, den 03.04.2019

09:00 Uhr • Franziska Holz, Die Abgrenzung prä- und perimortaler knöcherner Verletzungen von postmortalen Defekten – illustriert an ausgewählten Schädeln aus dem Beinhaus von St. Lubentius (Limburg-Dietkirchen)

10:00 Uhr • Kaffeepause

10:30 Uhr • Franz Pieler, Maria Teschler-Nicola, Asparn/Schletz: Archäologische und anthropologische Bestandsaufnahme und Ausblick
11:10 Uhr • Johanna Ritter, „Wo sind all die Toten hin?“ Theorien und Konzepte zum bandkeramischen Bestattungswesen in Hessen
11:50 Uhr • Joachim Pechtl, Vielfalt in Leben und Tod – linienbandkeramische Bestattungskollektive in Südbayern

12:30 Uhr • Mittagspause

14.00 Uhr • Nils Müller-Scheeßel, Ivan Cheben, Zuzana Hukelova, Martin Furholt, Kopflose Skelette und aufgebahrte Leichen: Die Toten der bandkeramischen Siedlung von Vráble/Südwestslowakei im Vergleich mit gleichzeitigen Kollektiven
14:40 Uhr • Postersession:
Benjamin Spies, Eine Menschenzahnkette der jüngeren Bandkeramik aus Mainfranken
Julia Hahn, Wie tickten die Taubertaler? Das schnurkeramische Gräberfeld Markelsheim-Fluräcker im regionalen Vergleich aus anthropologischer Sicht

15:30 Uhr • Kaffeepause

16:00 Uhr • Alexander Gramsch, Birgit Großkopf, Das Itinerarium des menschlichen Körpers. Eine interdisziplinäre Spurensuche

Donnerstag, den 04.04.2019

09:20 Uhr • Stefan Schreiber, Sabine Neumann, Vera Egbers, “I like to keep my archaeology dead”. Entfremdung und “Othering” der Vergangenheit als ethisches Problem

10:00 Uhr • Kaffeepause

10:30 Uhr • Sara Schiesberg, Christoph Rinne, Knochen – Teilverband – Skelett. Neue Untersuchungsergebnisse und interkulturell vergleichende Überlegungen zum Totenritual kollektiv bestattender Populationen
11:10 Uhr • Christoph Steinmann, Artikulierte und disartikulierte menschliche Überreste in der Mecklenburgischen Megalithik
11:50 Uhr • Mitgliederversammlung der AG Neolithikum

12:30 Uhr • Mittagspause

14:00 Uhr • Torsten Schunke, Der Umgang mit den Ahnen bei Salzmünde, Saalekreis – Die Umbettung eines Kollektivgrabes der Bernburger Kultur und nachfolgende Eingriffe in den Befund
14:30 Uhr • Martin Nadler, Gedanken zu den sog. Silobestattungen der Münchshöfener und Michelsberger Kultur
15:00 Uhr • Rouven Turck, Niels Bleicher, Leben und Sterben auf dem Abfallhaufen? Menschliche Skelettreste in Jungsteinzeitlichen Seeufersiedlungen (ZH-Opéra)?

15:30 Uhr • Kaffeepause

16:00 Uhr • Clara Drummer, Grabhandlungen oder Handlungen am Grab? Die Bedeutung schnurkeramischer Scherben und unterschiedlicher Bestattungskonzepte am Beispiel des Galeriegrabes Altendorf, Lkr. Kassel

16:40 Uhr • Abschlussdiskussion

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Abstracts

Ulrich Veit • Jenseits von Historismus und Anthropologie: Überlegungen zu einem kulturtheoretischen Rahmen für das Studium neolithischer Praktiken der Totenbehandlung

Die moderne kulturwissenschaftliche Forschung im Sinne einer ‚Historischen Kulturwissenschaft‘ hat – ebenso wie eine explizit ‚kulturgeschichtlich‘ ausgerichtete prähistorische Forschung – ihre Wurzeln im frühen 20. Jahrhundert. Trotzdem sind beide akademische Traditionen einander bis heute weitgehend fremd geblieben. Ansätze prähistorisch-archäologischer Forschung sind, wo sie nicht ein enges szientistisches Paradigma zu imitieren suchen, bis heute überwiegend einem historistischen Denken verhaftet: Sie betonen die Vielfalt und Eigenwertigkeit der untersuchten historischen Situationen – und verstellen sich damit die Möglichkeit einer komparativen Betrachtung. Archäologie erscheint als ein nie endendes Puzzlespiel, dessen Reiz v.a. darin liegt das existierende Bild durch zusätzliche, möglichst bunte Elemente zu ergänzen. Nicht besser sieht es mit Blick auf einige jüngere, stärker szientistisch geprägte Ansätze aus: Hier bleibt die Komparation zumeist einseitig auf ein naturalisiertes Menschenbild bezogen. Entsprechend wird Kultur auf eine Anpassung an äußere Bedingungen (natürliche und soziale Umwelt) reduziert und letztlich universellen Gesetzen unterstellt.
Diese Situation bringt es mit sich, dass heute in beiden in der deutschsprachigen Prähistorie miteinander konkurrierenden Ansätzen die unabänderliche Bindung historischen Wissens an gegenwärtige Problemhorizonte weitgehend negiert wird – und man zugleich die daraus resultierende Notwendigkeit, (Ur-)Geschichte stets neu zu schreiben, übersieht. Genau dies aber ist die Grundidee einer Historischen Kulturwissenschaft, wie sie Max Weber u.a. am Beginn des 20. Jahrhunderts formuliert haben.
Ziel des geplanten Beitrags soll es sein, die skizzierten Modi archäologischen Forschens im Hinblick auf aktuelle Deutungsansätze neolithischer Praktiken der Totenbehandlung exemplarisch zu erläutern und darüber hinaus anzudeuten, was es bedeuten würde, wenn wir die im Fach ja durchaus populäre Wendung von der ‚Archäologie als historischer Kulturwissenschaft‘ wirklich ernst nähmen. Dazu wird einerseits nötig sein an ältere fachinterne Bemühungen anzuknüpfen, in deren Kontext schon seit geraumer Zeit klassische kulturwissenschaftliche Konzepte und Theorien (E. Durkheim, M. Mauss, A. van Gennep, R. Hertz u.a.) aufgegriffen wurde. Darüber hinaus sollen aber insbesondere auch Beiträge von zeitgenössischen KulturwissenschaftlerInnen diskutiert werden, in denen Hinweise auf steinzeitliche Bestattungspraktiken mit zur Begründung spezieller Kulturtheorien herangezogen werden (P. Bourdieu, H. Belting, Th. Macho u.a.).

Heidi Peter-Röcher • Gewalt an Lebenden – Gewalt an Toten: zu Kontexten und Interpretationsmöglichkeiten menschlicher Überreste

Kriegerische Gewalt und andere blutige Szenarien wie Menschenopferungen, Folter und Kannibalismus scheinen die Diskussion über die Deutung menschlicher Überreste außerhalb „regulärer“ Gräber zu beherrschen, und zwar insbesondere in Bezug auf das (frühe) Neolithikum. Dieses erscheint zuweilen geradezu als Abbild der Moderne samt „warlords“ und Kriegsgreueln. Andere Möglichkeiten der Interpretation wie Formen der Sekundärbestattung werden, zumindest für das Neolithikum oder einige seiner Abschnitte, seltener in Erwägung gezogen bzw. beachtet. Diese Problematik soll anhand von Beispielen erörtert werden.

Franziska Holz • Die Abgrenzung prä- und perimortaler knöcherner Verletzungen von postmortalen Defekten – illustriert an ausgewählten Schädeln aus dem Beinhaus von St. Lubentius (Limburg-Dietkirchen)

Einleitung: Weisen menschliche Skelette oder einzelne Knochen Beschädigungen auf, stellt sich vornehmlich die Frage nach ihrer Entstehungszeit: prä-, peri- oder postmortal. Um den Todeseintritt herum entstandene Verletzungen werden als perimortal bezeichnet. Sie sind von besonderer forensischer Relevanz, da sie Hinweise auf die Todesumstände und die Todesursache geben können. Von ihnen klar abzugrenzen sind einerseits die (zumindest ein gewisses Zeitintervall) überlebten, sog. prämortalen Traumata; und andererseits die nach dem Tod entstandenen, sog. postmortalen Defekte, die häufig durch Erddruck oder im Rahmen von Bergungs- oder Umlagerungsmaßnahmen entstehen.
Material und Methoden: Es erfolgte eine Auswertung der Fachliteratur (pubmedgelistete Publikationen und Lehrbücher) zur Unterscheidung von prä- und perimortalen Traumata sowie postmortalen Defekten. Die im Beinhaus von St. Lubentius aufgefundenen 739 Schädel(-knochenfragmente) wurden u.a. hinsichtlich der daran ersichtlichen Verletzungen und postmortal entstandenen Artefakte qualitativ und quantitativ untersucht.
Ergebnisse: Anhand von ausgewählten Schädeln aus dem Beinhaus von St. Lubentius wird ein Überblick über makroskopisch fassbare Kriterien zur Differenzierung der Entstehungszeit von Verletzungen (prä- vs. perimortal) und postmortalen Defekten gegeben. Von den im Beinhaus von St. Lubentius aufgefundenen Schädeln wies etwa jeder 10. prämortale und etwa jeder 20. perimortale Verletzungen auf, wobei die Verteilung von Geschlecht und Sterbealter abhängig war. Die meisten Verletzungen waren Folge stumpfer Gewalteinwirkungen und am Stirn- oder linken Scheitelbein lokalisiert.

Franz Pieler, Maria Teschler-Nicola • Asparn/Schletz: Archäologische und anthropologische Bestandsaufnahme und Ausblick

In Asparn/Schletz, Niederösterreich, wurden zwischen 1983 und 2005 mit finanzieller Unterstützung des Landes NÖ archäologische Grabungen durchgeführt. Im Verlaufe dieser Forschungen wurden Ausschnitte einer befestigten Siedlung der jüngeren LBK freigelegt, die vor allem durch die aufsehenerregenden Skelettfunde aus den Gräben europaweite Beachtung gefunden hat.
Bislang ist die umfassende Aufarbeitung der archäologischen Funde und Befunde, von Einzeldarstellungen abgesehen, die sich etwa mit der Identifikation und Rekonstruktion eines Brunnens oder der Stratigrafie und Bauabfolge der Gräben befassten, ein Desiderat geblieben. Auch das Potential der Anthropologie, deren Blick zunächst verstärkt auf die Dokumentation und Analyse der krankhaften und traumatischen Veränderungen der aus den Gräben geborgenen Individuen gerichtet war, ist nicht restlos ausgeschöpft.
In unserem Beitrag wollen wir das kürzlich bewilligte Forschungsprojekt für die Aufarbeitung der Archäologie vorstellen, das vom Land NÖ im Rahmen der FTI (Forschung-Technologie-Innovation)-Strategie bewilligt wurde. Im Fokus stehen dabei Fragen, die sich anhand des mobilen Hausrats mit der Besiedlungsstruktur und Chronologie sowie mit den Fernbeziehungen und der Mobilität der Bevölkerung auseinandersetzen. Einen weiteren wesentlichen Aspekt stellt die auch für die anthropologische Auswertung relevante chronologische Abfolge der Gräben dar, die die bislang offenen Fragen bezüglich der Struktur der Erdwerke klären könnte. Thematisieren wollen wir darüber hinaus die bislang wenig beachteten regulären Bestattungen aus der Siedlung und aus den Gräben, wobei auch Neuerkenntnisse aus den Isotopen- und aDNA-Analysen angesprochen werden.

Johanna Ritter • „Wo sind all die Toten hin?“ Theorien und Konzepte zum bandkeramischen Bestattungswesen in Hessen

Der während der Bandkeramik dicht besiedelte Raum Hessen eignet sich bestens als Grundlage der Betrachtungen unterschiedlicher Problematiken, die sich im Kontext des Bestattungswesens aus dieser Zeit ergeben: Den Anfang bilden hier bereits die oftmals wenig pietätvollen Bergungsmöglichkeiten, die sich den Archäologen auf Rettungsgrabungen bieten bis hin zu Verunglimpfungen der menschlichen Überreste, die sich auf manch einer Ausgrabung ereigneten – das wirft die Frage auf, ob Menschen, die wir nicht kennen und die bereits lange tot sind, denn keinen angemessenen Umgang verdienen. Unmittelbar daran schließt sich die Frage nach der Lagerung und potentiellen Ausstellung dieser Überreste an – was bedeutet uns als Wissenschaftlern in diesem Kontext das, was einst ein Mensch war und sollte er einfach in einer Archivkiste in einem Depot verschwinden?
Gleichzeitig bedeutet das Thema „Bestattungen der Bandkeramik“ auch noch immer das in den Köpfen manch eines Wissenschaftlers herumspukende „bandkeramische Gräberfeld“ – das es nachweislich in Hessen nie gab. Ein kurzer Überblick über die Bestattungen der hessischen Bandkeramik aktueller Ausgrabungen bestätigt dies und sollte das Feld für Überlegungen zu alternativen Bestattungsszenarien öffnen.
Den Abschluss können die vielbeachteten Darstellungen menschlicher Körper aus den keramischen Warenspektren der Bandkeramik bilden – sind sie das, als was wir modernen Forscher sie sehen? Menschen, Götter, Ahnen? Oder am Ende nicht einmal Körper? Derlei (Über-)Interpretationen bestimmter keramischer Gestaltungen können selbstverständlich die Ansprache der Stücke erleichtern – müssen jedoch von Zeit zu Zeit reflektiert werden, um sich weiterhin der Ambivalenz bewusst zu bleiben. Unser heutiges Verständnis und unsere heutige Vorstellung von Mensch im Kontext von Darstellung, Leben und Tod kann uns bei Deutungen vergangener Kulturen so manchen Streich spielen.
Die hessische Bandkeramik ist somit nicht nur reich an Fundstellen, sondern ebenso reich an aufgeworfenen Fragen, wobei sich eine der prominentesten zusammenfassen ließe: „Wo sind all die Toten hin?“.

Joachim Pechtl • Vielfalt in Leben und Tod – linienbandkeramische Bestattungskollektive in Südbayern

Seit der Publikation der überregional bis heute grundlegenden Arbeit „Linearbandkeramische Gräberfelder in Bayern“ durch Norbert Nieszery (1995) hat sich nicht nur der Quellenbestand zu altneolithischen Bestattungen in Südbayern erheblich vergrößert, sondern es haben sich auch die archäologischen Fragestellungen gewandelt – auch und gerade unter dem Eindruck der rasanten Entwicklung naturwissenschaftlicher Analysemethoden. So richtet sich der Blick immer mehr auf das Individuum mit seiner ganz persönlichen Biografie, seinen Lebensbedingungen und seiner spezifischen Umwelt.
Anhand verschiedener intensiv untersuchter Bestattungskollektive aus dem südbayerischen Raum (etwa Otzing, Niederpöring, Essenbach, Dillingen-Steinheim) ist es möglich, einerseits die Fülle und Komplexität der verschiedenen regional praktizierten Bestattungsweisen aufzuzeigen. Diese reichen von aufwändigen Körperbestattungen über Brandbestattungen und sekundären Bestattungen bis hin zur Deponierung massiv manipulierter Leichenteile, wobei sowohl Siedlungsareale als auch abseits gelegene Gräberfelder genutzt werden. Andererseits wurden auch die sterblichen Überreste eingehend untersucht. Außer intensiven morphologischen Befundungen wurden Isotope leichter Elemente zur Ernährungsrekonstruktion analysiert und Strontium-Isotope zur Untersuchung der persönlichen Mobilität. Zudem konnten bei einigen Individuen Sequenzierungen der DNA vorgenommen werden. Aus der Kombination von archäologischen und naturwissenschaftlichen Daten ergibt sich die Möglichkeit, Muster zu erkennen und sich somit den Regeln anzunähern, die der jeweils spezifischen Entscheidung zugrunde lagen, wer wo und wie bestattet wurde. Altbekannt ist, dass hierbei Alter und Geschlecht eine bedeutsame Rolle spielen, nun zeichnet sich aber auch eine soziale Differenzierung deutlicher ab.

Nils Müller-Scheeßel, Ivan Cheben, Zuzana Hukelova, Martin Furholt • Kopflose Skelette und aufgebahrte Leichen: Die Toten der bandkeramischen Siedlung von Vráble/Südwestslowakei im Vergleich mit gleichzeitigen Kollektiven

Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses zur bandkeramischen Behandlung der Toten ist in den letzten Jahren eine deutliche Verschiebung festzustellen. Nachdem über viele Jahre hinweg die Bestattung in ‚regulär‘ erscheinenden Gräberfeldern die Wahrnehmung bestimmt hatte, waren zunächst die immer regelhafter auftretenden Siedlungsbestattungen in den Fokus gerückt (Veit 1996). In letzter Zeit sind die Fundstellen mit Spuren von Gewaltanwendung an deren Stelle getreten (Asparn, Talheim, Herxheim, Halberstadt), wobei man den Eindruck erhält, als ob die Interpretationen nicht makaber genug sein können.
Aus unserer Sicht kann die südwestliche Siedlung von Vráble/Südwestslowakei zu dieser Diskussion einen signfikanten Beitrag liefern. Bei Ausgrabungen im Bereich eines bandkeramischen Erdwerks wurden sowohl Individuen entdeckt, die einem ‚regulär‘ erscheinenden Bestattungsritual unterzogen worden waren, wie auch solche, die innerhalb des Grabens ohne Aufwand deponiert erscheinen und zudem postmortale Manipulationen (Entfernung des Schädels) aufweisen. Ein genauerer Blick auf die Befundsituation zeigt allerdings, dass diese Trennung weniger eindeutig ist, als sie zunächst scheint.
Wir diskutieren die anthropologischen Ergebnisse und die Charakteristika der Skelettpopulation im Vergleich mit gleichzeitigen Kollektiven aus Gräberfeldern, Siedlungen und Gewaltereignissen, um vor allem der Frage nachzugehen, inwieweit bei den Bestattungspraktiken sozio-kulturelle Auswahlkriterien wirksam waren.

Postersession:

Benjamin Spies • Eine Menschenzahnkette der jüngeren Bandkeramik aus Mainfranken

1976 wurden aus einer Siedlungsgrube der jüngeren LBK (M. Brandt, Materialvorlage und statistische Untersuchungen zur Bandkeramik in Unterfranken, Materialhefte zur bayer. Vorgeschichte 54, 1985) nahe Zeuzleben (Lkr. Schweinfurt) insgesamt 29 menschliche Zähne geborgen, die allesamt eine Durchbohrung im Wurzelbereich aufwiesen (F. Beßler, M. Brandt, H.-D. Mierau, G. Wegner, Ausgrabungen und Funde in Unterfranken 1978, Frankenland NF 30, 1978, 320-322). Entsprechend erster zahnmedizinischer Untersuchungen müssen die Zähne von wenigstens drei bis maximal 29 verschiedenen Individuen stammen, darunter mindestens zwei Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren. In keinem Fall dürften Karies oder Zahnbetterkrankungen für den Verlust der Zähne verantwortlich gewesen sein.
Auf die Nutzung der durchbohrten Zähne gibt es verschiedene Hinweise. Bernstein- bis schwefelgelbe Farbspuren auf den Zähnen deuten auf deren postmortale Einfärbung mit einem ockerfarbenen bis roten Farbstoff hin. Daneben treten parallel zur Zahnachse verlaufende, scharf begrenzte Schliffspuren auf, die wohl von harten Gegenständen verursacht wurden, welche über längere Zeit hinweg an den Zähnen rieben. Diese postmortalen Abrasionen legen nahe, dass die Zähne als Kette getragen wurden und mit anderen harten Gegenständen, wie vielleicht Muschelschalen oder Schneckenhäusern, abwechselnd aneinandergereiht waren.
Vergleichbare Befunde sind aus dem mitteleuropäischen Neolithikum nur in zwei Fällen bekannt. Beide datieren ebenfalls in den jüngeren Abschnitt der Bandkeramik: So wurde eine vergleichbare Fundsituation bei den Grabungen an der jüngerbandkeramischen Anlage von Herxheim angetroffen, wo durchbohrte Tier- und Menschenzähne sowie perforierte Muschelschalen und Schneckengehäuse dicht beieinanderliegend aufgefunden wurden. Hier denken die Bearbeiter über eine Verwendung der Stücke als Kette oder Kleidungsbesatz nach (A. Zeeb-Lanz, F. Haack, S. Bauer, Menschenopfer – Zerstörungsrituale mit Kannibalismus – Schädelkult: Die außergewöhnliche bandkeramische Anlage von Herxheim in der Südpfalz, Mitt. Hist. Ver. Pfalz 111, 2013, 5–53).
Ein weiteres Beispiel ist aus dem bandkeramischen Gräberfeld von Nitra in der heutigen Slowakei überliefert. Dort wurde ein etwa 40-jähriger Mann bestattet, um dessen Hals sich fünf im Wurzelbereich durchbohrte Menschenzähne sowie zwei Zähne eines Hundes oder Fuchses fanden. Eine Interpertation als Halskette erscheint in diesem Fall als sehr naheliegend (J. Pavúk, Neolithisches Gräberfeld in Nitra. Slovenská Arch. 20 (1), 1972, 5-105).
Während naturwissenschaftliche Analysen an den Menschrenresten aus Herxheim inzwischen ein neues Licht auf die Lebensverhältnisse der Bandkeramik werfen, stehen entsprechende Untersuchungen an den Zähnen aus Zeuzleben noch aus. Doch auch hier stellen sich spannende Fragen, wie beispielsweise: Stammen die Zähne von Ortsansässigen oder Fremden? Standen die vormaligen Träger der Zähne vielleicht in einer verwandschaftlichen Beziehung zueinander? Und was sagt uns die Verwendung von Menschenzähnen als Ornamente allgemein über den Umgang mit sterblichen Überresten während Bandkeramik aus?

Julia Hahn • Wie tickten die Taubertaler? Das schnurkeramische Gräberfeld Markelsheim-Fluräcker im regionalen Vergleich aus anthropologischer Sicht

2011/12 wurde bei archäologischen Untersuchungen in Markelsheim-Fluräcker (BadenWürttemberg) ein schnurkeramischer Bestattungsplatz angeschnitten. Dabei konnten 33 Gräber mit 39 in Hockerlage bestatteten Individuen auf einer Niederterrasse nördlich der Tauber freigelegt werden. Diese wurden im Rahmen einer Magisterarbeit anthropologisch ausgewertet. Der Beitrag befasst sich mit der Frage, wie die damalige Markelsheimer Bevölkerung ihre Verstorbenen beisetzte. Dies wird durch einen Vergleich mit anderen Gräberfeldern des Untersuchungsgebiets in den regionalen Rahmen des Taubertals (v. a. Tauberbischofsheim-Dittigheim, TauberbischofsheimImpfingen und Lauda-Königshofen) eingeordnet. Zudem erfolgt auch ein kurzer Vergleich mit den schnurkeramischen Bestattungspraktiken insgesamt. Durch die lokal stark variierende Skeletterhaltung mit einem Anteil von über 50 % an schlecht erhaltenen Skeletten konnten in Markelsheim lediglich 23 % der Individuen geschlechts-, aber 92 % altersbestimmt werden. Daher liegt der Fokus auf der Ausgestaltung der Gräber und Niederlegungsweise der Individuen. Dabei zeigte sich beispielweise, dass die gängige bipolare Bestattungsweise der Schnurkeramik (Frauen in linker Hockerlage mit Kopf im Osten, Männer in rechter mit dem Kopf im Westen) in Markelsheim, bei den wenigen geschlechtsbestimmten Individuen, für die Region ungewöhnlich strikt eingehalten wurde. Allerdings handelt es sich bei der Ausrichtung eher um zonale Bereiche als um eine exakte Himmelsrichtung. Natürlich darf die Problematik der kleinen Zahlen nicht außer Acht gelassen werden. Interessant ist auch, dass scheinbar die obere Körperhälfte für die Niederlegung von Grabbeigaben bevorzugt wurde.
Die Analyse kann als weiterer, wenn auch sehr kleiner, Mosaikstein zum Verständnis der schnurkeramischen Bestattungspraktiken beitragen.

Alexander Gramsch, Birgit Großkopf • Das Itinerarium des menschlichen Körpers. Eine interdisziplinäre Spurensuche

Der menschliche Körper wird in der Archäologie und Anthropologie einerseits als ein Datenrepositorium zur Untersuchung von biologischem Alter und Geschlecht, Ernährung und Krankheiten verstanden. So wird eine Vielzahl einzelner Daten gesammelt, die über gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen Auskunft geben sollen. Andererseits richten heute die Ansätze der Osteobiographie und der Thanatoarchäologie ihre Aufmerksamkeit auf das Schreiben individueller Biographien und auf die Anthropologie des Todes anhand des Körpers. Wir wollen das Konzept der Osteobiographie auf den Zeitraum des Todes ausweiten und es so mit der Thanatoarchäologie verknüpfen, indem wir den postmortalen Umgang mit dem Körper in die Biographie des Individuums aufnehmen. Diese Verknüpfung fassen wir unter dem Schlagwort des „Itinerariums des menschlichen Körpers“.
In einem interdisziplinären Pilotprojekt der Römisch-Germanischen Kommission und der Historischen Anthropologie der Universität Göttingen werden zurzeit menschliche Knochen auf postmortale Manipulationen untersucht mit dem Ziel, sich dem Umgang mit dem Tod und dem toten Körper im Neolithikum zu nähern und eine Osteobiographie von Individuen im Zeitraum des Todes zu schreiben. Eine Auswahl an Knochen vom frühneolithischen Fundplatz von Herxheim (Rheinland-Pfalz), der bereits Hinweise auf Manipulationen geliefert hat, wird nun mit Hilfe eines Digitalmikroskops erneut untersucht, um mit Hilfe der hierbei erstellten mikroskopischen Aufnahmen, Querschnitte und 3D-Modelle Spuren zu dokumentieren, die auf Handlungen verweisen, die zur Auflösung des Skelettverbands und / oder zur Umlagerung der Menschenknochen führten. Bei erfolgreichem Test des Mikroskops sollen in Folgeprojekten weitere Fundplätze mit dislozierten Menschenknochen in die Untersuchung einbezogen werden.

Stefan Schreiber, Sabine Neumann, Vera Egbers • “I like to keep my archaeology dead”. Entfremdung und “Othering” der Vergangenheit als ethisches Problem

Als Archäolog*innen setzen wir uns ständig mit den Toten der Vergangenheit auseinander. Und im Gegensatz zur Ethnoarchäologie halten wir unsere Archäologie gerne für tot, wie David Clarke einmal sagte. Einerseits erscheint aus erkenntnistheoretischer Sicht eine epistemologische Entfremdung von den Toten fast unvermeidlich, da wir sonst lediglich die heutigen Bedingungen mit all ihren Problemen rückprojizieren würden. Deshalb muss die Vergangenheit ein „foreign country“ sein und bleiben (können). Aber Entfremdung hat neben epistemologischen auch ethische Implikationen, besonders wenn es um das Studium menschlicher Überreste geht. In unserem Vortrag analysieren wir die Strukturen innerhalb der wissenschaftlichen Disziplin Archäologie, die Praktiken wie die Markierung von menschlichem Knochenmaterial während der Ausgrabung oder die objekthafte Darstellung von Skeletten in Museen normalisieren. Wir argumentieren, dass Archäolog*innen eine ethische Verantwortung gegenüber früheren Subjekten oft leugnen und wollen eine Debatte über alternative Strategien in der Behandlung von Toten eröffnen.

Sara Schiesberg, Christoph Rinne • Knochen – Teilverband – Skelett. Neue Untersuchungsergebnisse und interkulturell vergleichende Überlegungen zum Totenritual kollektiv bestattender Populationen

Die jüngere Forschungsgeschichte zu den neolithischen Kollektivgräbern Nord- und Mitteleuropas ist durch eine spezifische Modellvorstellung zur Bestattungssitte geprägt. Der zur Folge habe man in den Gräbern primäre Bestattungen niedergelegt, die später beiseite geräumt wurden, um Platz für neue Bestattungen zu schaffen. Die Gegenhypothese einer sekundären Grablege lasse sich hingegen durch unterschiedliche Charakteristika des neolithischen Skelettmaterials falsifizieren. Um die Validität dieser Argumentationsstruktur zu überprüfen, werden die sterblichen Überreste von rezenten Populationen mit bekannter, sekundärer Bestattungspraxis in die Betrachtungen miteinbezogen. Im Ergebnis scheint die Beurteilung der prähistorischen Befunde in erster Linie davon abzuhängen, wie sich die entsprechenden Bearbeiter eine Sekundärbestattung vorstellen. Prägend sind hier Konzepte zu Sekundärbestattungen, die den in westlichen Staatengesellschaften praktizierten Handlungsabläufen entsprechen. Die Sekundärbestattungen in nicht-staatlichen Gesellschaften bezeugen hingegen eine größere Bandbreite an Ritualen. In deren Zentrum stehen oftmals aufwendige Zeremonien, die in zyklischen Intervallen abgehalten werden. Solche Formen der Sekundärbestattung bieten sowohl ein erklärungsmächtiges Modell für die Bestattungshorizonte der Kollektivgräber als auch für die sterblichen Überreste der zeitgleich genutzten Flachgräberfelder. Diese Neuinterpretation bietet nicht nur eine andere Perspektive auf den Totenkult der Trichterbecherzeit, sondern stellt auch etablierte Konzepte zur Datierung in Frage, weil das Skelettmaterial, die Artefakte und die Grabarchitektur im Falle einer Sekundärbestattung nicht zwingend gleich alt sind. Dabei erweitern umfangreiche Serien an Radiokarbondaten die Perspektive auf lange Traditionsräume.

Christoph Steinmann • Artikulierte und disartikulierte menschliche Überreste in der Mecklenburgischen Megalithik

Im Fokus detaillierter Untersuchungen zur mecklenburgischen Megalithik standen fünf morphologisch unterschiedliche Naturräume, in denen 551 Megalithmonumente in den Untersuchungen berücksichtigt wurden. Von diesen 551 sind mit 144 Megalithbauwerken gut ein Viertel im 19. und 20. Jahrhundert ausgegraben worden.
Menschliche Überreste konnten zwar nur in 30 % der ausgegrabenen Monumente beobachtet bzw. geborgen werden, aber dabei fallen signifikante Muster in der Niederlegungsart auf, die sich grundsätzlich in einen artikulierten und disartikulierten Modus unterscheiden lassen. In knapp einem Zehntel der Kammern befanden sich die menschlichen Knochen noch im anatomischen Verband, so wie es bei Begräbnissen oder Niederlegungen kurz nach dem Tod der Fall ist. Solche artikulierten Niederlegungen sind auch für die Einzelbestattungen typisch, die im ausgehenden Mesolithikum und beginnendem Spätneolithikum gebräuchlich waren.
In der überwiegenden Mehrzahl der Kammern (84,1 %) herrscht jedoch die disartikulierte Niederlegung vor, bei der die Knochen nicht im anatomischen Verband deponiert sind. Zahlreiche Spuren verweisen auf eine Verwesung der Weichteile der Körper außerhalb der Kammern und eine nachfolgende Niederlegung ausgewählter Knochenensembles.
Die Disartikulation kann weiterhin in zwei Unterformen der symbolischen Bestattung aufgeschlüsselt werden: Die kollektive Sammelbestattung und die kommunale Gemeinschaftsbestattung. Bei der Sammelbestattung sind innerhalb der Kammer disartikulierte Individuen als Einzelne noch erkennbar, die zusammen, jeder mit seinem „Knochenhaufen“, das Kollektiv der Toten bilden. Kommunale Gemeinschaftsbestattung ermöglichen keine Erkennung von disartikulierten Individuen mehr, hier sind die Knochen komplett durchmischt oder nach Arten umsortiert (z.B. Schädel und Langknochen). Das verstorbene Individuum geht in einer Gemeinschaft der Toten auf. Kommunale Gemeinschaftsbestattungen sind jedoch nur für einen kurzen Abschnitt am Übergang vom Mittel- zum Spätneolithikum typisch.
Zusammen mit 33 nicht-megalithische Bestattungen sind im Zeitraum von etwa 1.400 Jahren jedoch nur gut 200 Individuen erfassbar, so dass andere Formen des Umgangs mit Verstorbenen existiert haben müssen. Da diese eindeutig dominierten, kann von einer reinen Symbolik der Knochendeponierungen in Megalithkammern ausgegangen werden. Über die Begehbarkeit der Kammern waren die Reste der Verstorbenen zugänglich und konnten gleichsam in die Gesellschaft der Lebenden zurückgeholt werden. Das Fragmentarische ihrer Präsenz mündet zugleich in eine symbolische Vertreterrolle – ein Teil steht für das Ganze. Aspekte wie diese sind typisch für praktizierte Ahnenverehrungen: Neolithische Gesellschaften waren mit der gelebten Erinnerung an die Vergangenheit durch deren zeitliche Kontinuität bis in ihre Gegenwart verwurzelt.
Megalithmonumente waren mit den in ihnen praktizierten Totenbehandlungen Orte der Ahnen und Orte der Vermittlung zwischen den Toten und Lebenden. Sie fungierten als aktive soziale Transformatoren, wie der Übergang zur kommunalen Gemeinschaftsbestattung ebenso illustriert wie die konsequente Aufgabe ihrer aktiven Nutzung noch zu Beginn des mecklenburgischen Spätneolithikums, ab dem artikulierte Einzelbestattungen dominierten.

Torsten Schunke • Der Umgang mit den Ahnen bei Salzmünde, Saalekreis – Die Umbettung eines Kollektivgrabes der Bernburger Kultur und nachfolgende Eingriffe in den Befund

Das eponyme Salzmünder Erdwerk wurde im 31. Jh. v. Chr. bewusst zerstört. Im Zuge dieser Vorgänge ist in die Verfüllung des inneren Erdwerksgrabens eine einzigartige Umbettung von Menschenknochen, Steinen, Gefäßresten und Schmuck vorgenommen worden. Diese Objekte waren zuvor offensichtlich Bestandteile eines Kollektivgrabes der frühen Bernburger Kultur, das im Saalegebiet außerhalb des Erdwerksbereiches gestanden haben muss. Die an diesen außergewöhnlichen Platz der Salzmünder Kultur gebrachten Objekte und die Knochen der mindestens fünfundzwanzig Individuen wurden im Graben in zuvor markierten Bereichen nach Gruppen getrennt niedergelegt und dieser Ort somit symbolträchtig besetzt. Die Position der Umbettung, zudem am Fuß eines alten Grabhügels der Baalberger Kultur, war offensichtlich bewusst gewählt, denn sie überdeckte eine Lage von Schädeldeponierungen der Salzmünder Kultur. Der Befund ist einer der deutlichsten Belege für den Umgang mit Knochen und für die Omnipräsenz von Ahnenverehrung und Schädelkult in den neolithischen Kulturen dieser Zeit, wie er auch an anderen Befunden dieses Fundplatzes nachweisbar ist. Die langfristige Aufbewahrung von Knochen und der Glaube an deren positive oder auch negative Kraft, insbesondere von Schädeln, war offensichtlich allgemein verbreitet und Kulturen übergreifend akzeptiert.
Ein ganz anderer Umgang mit den menschlichen Überresten vorangegangener Zeiten lässt sich an der vorzustellenden Umbettung darüber hinaus durch die Schnurkeramikkultur belegen. Ohne Rücksicht auf die älteren Deponierungen griffen die Träger dieser Kultur in den Befund ein um Steine daraus zu bergen, die sie für den Bau einer großen Steinkiste nebenan benötigten. Ein solcher Umgang mit früher errichteten Monumenten ist in Mitteldeutschland nicht nur in diesem Fall erkennbar sondern tritt häufig auf. Entsprechende Beispiele werden veranschaulicht und geben Anlass, frühere Thesen einer regelhaften Bezugnahme auf ältere Bestattungen zu überdenken. Möglicherweise bestand der Bezug einzig in der unbefangenen Nutzung bereits vorhandener Hügel.

Martin Nadler • Gedanken zu den sog. Silobestattungen der Münchshöfener und Michelsberger Kultur

Am Übergang zum 4. Jahrtausend treten in den jungneolithischen Kulturgruppen Süddeutschlands sog. Silobestattungen in Erscheinung. Wegen der Lage in einem Siedlungsumfeld in offenkundig aufgelassenen Vorrats(?)gruben galten sie lange Zeit als Sonderbestattungen bzw. wurden wegen des Anscheins einer wenig sorgsamen Niederlegung als aus unterschiedlichen Gründen irregulär entsorgte Verstorbene betrachtet. Mittlerweile hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass wir es mit einer zeittypischen Bestattungsform zu tun haben. Wie bei früherer Gelegenheit (M. Nadler/M. Schultz/E. Oplesch/J. Novaček, Die Michelsberger Hockerbestattung von Regensburg-Burgweinting – Archäologie und Anthropologie. In: L. Husty, W. Irlinger und J. Pechtl (Hrsg.), „… und es hat doch was gebracht!“ Festschrift für Karl Schmotz zum 65. Geburtstag. Intern. Arch. Stud. Hon. Bd. 35 (Rahden/Westf. 2014), 109-144.) schon ausgeführt, können auf Grundlage der bislang vorliegenden Datenbasis die dahinterstehenden Vorgänge nachvollzogen werden. Demnach lassen sich die Befunde als in unterschiedlichen Stadien überlieferte Belege eines mehrstufigen Bestattungsritus erklären, in dessen Verlauf die menschlichen Überreste einen komplexen und langwierigen Prozess von Manipulationen und taphonomischen Prozessen durchlaufen – möglicherweise als eine spezielle Ausprägung der sich in dieser Zeit entwickelnden Kollektivgrabsitte, die sich in ähnlicher Weise auch in weiteren archäologischen Gruppen in Mitteleuropa manifestiert.

Rouven Turck, Niels Bleicher • Leben und Sterben auf dem Abfallhaufen? Menschliche Skelettreste in Jungsteinzeitlichen Seeufersiedlungen (ZH-Opéra)?

Pfahlbauarchäologie ist Siedlungsarchäologie. Am Seeufer gibt es keine prähistorischen Friedhöfe. Dies ist seit langem bekannt. Dass es dennoch immer mal wieder einzelne und schwer zu interpretierende menschliche Knochenfunde aus Pfahlbausiedlungen gab, ging dabei oft vergessen. Wurden einmal welche erwähnt, so wurden sie beispielsweise als Opfer eines Dorfbrandes interpretiert, die ihr brennendes Haus nicht schnell genug verlassen konnten. Mit der Ausgrabung von Zürich-Parkhaus Opéra hat sich dieses Bild geändert. Erstmals konnte in zwei Schichten eine Anzahl einzelner menschlicher Knochen dokumentiert werden, für die sich der Kontext genauer fassen ließ. Sie bargen zwei Überraschungen: Sie tragen Schnittspuren, sind teils angeröstet – und sie lagen auf den Abfallhaufen. Auch von anderen Siedlungen sind Schnittspuren auf menschlichen Knochen bekannt, nur gab es bislang keine belastbaren Kontextdaten.
Solche Funde sind schwer zu interpretieren. Handelt es sich um Kannibalismus-Opfer oder komplexe Totenrituale? Wurden Tote „entsorgt“ – oder handelt es sich um sekundäre Verlagerungen der Skelettelemente? Eine Möglichkeit zur Rekonstruktion der Lebensverhältnisse der Individuen aus den Seeuferkontexten liefern Isotopenstudien, die jüngst für Menschen im Pfahlbaukontext vorgenommen wurden.

Literatur:
N. Bleicher/Chr. Harb, Zürich-Parkhaus Opéra. Eine neolithische
Feuchtbodenfundstelle. Band 3: Naturwissenschaftliche Analysen und Synthese. Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 50 (Zürich/Egg 2017)
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Clara Drummer • Grabhandlungen oder Handlungen am Grab? Die Bedeutung schnurkeramischer Scherben und unterschiedlicher Bestattungskonzepte am Beispiel des Galeriegrabes Altendorf, Lkr. Kassel

Der Wechsel von Kollektivgräbern zu Einzelbestattungen in Hügelgräbern vom Spät- zum Endneolithikum (ca. 2900 v.Chr.) wird als sozial tiefgreifender Wandel dargestellt. Dieser wird aufgrund aktueller aDNA-Studien auch als Migrationsbewegungen der Schnurkeramik verstanden und könnte deshalb nicht nur ein sozialer Wandel im Grabkontext, sondern auch ein Wandel der Bevölkerung sein. Schnurkeramische Scherben, die in den chronologisch jüngeren endneolithischen Gräbern vorkommen und als Beigaben zu deuten sind, finden sich bereits vor der Etablierung von Hügelgräbern in den megalithischen Galeriegräbern Hessens. Die Gründe und Auswirkungen dieser Kontextvermischungen in der mitteldeutschen Gebirgszone wurden bisher weniger intensiv diskutiert, weshalb der soziale Wandel von Spät- zu Endneolithikum u.a. anhand dieser Kontextvermischungen beleuchtet werden soll, weil diese das Spät und Endneolithikum miteinander verbinden.
Die Aufarbeitung des 1934 ergrabenen und nur teilweise publizierten Galeriegrabes Altendorf, Lkr. Kassel bietet neue Interpretationsansätze über den Wandel der Bestattungssitten im ausgehenden Neolithikum. Die Analyse der räumlichen Verteilung von Bestatteten und Grabfunden, aber auch die zeitliche Tiefe der Funde, sowie die Untersuchung unterschiedlicher Grabhandlungen ermöglichen neue Erkenntnisse. Zum einen sind unterschiedliche Bestattungskonzepte anhand der Vollständigkeit, Orientierung und Körperhaltung der Bestatteten sichtbar. Zum anderen zeigen Grabumräumungsprozesse, Fundkonzentrationen sowie Spuren von Hitzeeinwirkungen, dass neben der Niederlegung der Toten, auch andere Aktivitäten im Grab stattfanden. Dabei ist unklar, durch welche Aktivitäten die schnurkeramischen Scherben in das Grab gekommen sind. Handelt es sich um schnurkeramische Handlungen am Grab nach dem Ende der eigentlichen Grabnutzung oder um reguläre Grabhandlungen im Sinne von Nachbestattungen in schnurkeramischer Zeit? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Transformationsprozesse im ausgehenden Neolithikum?

CfP „Mensch – Körper – Tod: Der Umgang mit menschlichen Überresten im Neolithikum“

Die AG TidA richtet gemeinsam mit der AG Neolithikum auf der Jahrestagung des WSVA und MOVA in Würzburg am 2.-4. April eine gemeinsame Sektion aus. Thema ist diesmal „Mensch – Körper – Tod: Der Umgang mit menschlichen Überresten im Neolithikum“. Die Deadline für die Abstracts ist der 15.11.2018. Wir freuen uns auf Eure Beteiligung und Beiträge!

Hier gehts zum CfP: download

CfP für Workshop „Socio-Environmental Dynamics over the Last 15,000 Years: The Creation of Landscapes VI“

Vom 11.-16. März 2019 findet in Kiel der International Open Workshop 2019 „Socio-Environmental Dynamics over the Last 15,000 Years: The Creation of Landscapes VI” statt. Ganze 18 Sessions sind geplant, für die bis zum 15.11.2018 die Call for Papers laufen. Zum Überblick über die CfP, Sessions und den Workshop geht’s hier: http://www.workshop-gshdl.uni-kiel.de/

Besonders freuen wir uns über eine Kooperation der AG TidA mit den Organisatoren Artur Ribeiro und Vesa Arponen der Session 17 „Determinism in archaeology: What is it and why does it matter?“, zu der wir natürlich ganz herzlich zur Beteiligung aufrufen: http://www.workshop-gshdl.uni-kiel.de/workshop-sessions-2019/session-2019-17/.

Workshop „Neo-völkische Geschichtsbilder in populären Vergangenheitsaneignungen im östlichen Europa“

Vom 27.-28. September 2018 findet in Leipzig der Workshop „Neo-völkische Geschichtsbilder in populären Vergangenheitsaneignungen im östlichen Europa. Neuheidentum – Reenactment – Musikszene“ statt.

Das Programm und den Flyer dazu findet ihr hier.

In rechtsextremen (Sub)Kulturen lässt sich seit einigen Jahren wieder ein verstärkter Rückgriff auf vermeintlich bis in vor- und frühgeschichtliche Zeiten zurückreichende Traditions- und Herkunftslinien beobachten. Insbesondere vorchristliche Gesellschaften dienen als Identifikationsobjekte und Projektionsflächen für scheinbar „natürliche“ und „unverfälschte“ Lebensbilder, Spiritualität und Gesellschaftsordnungen. Die Konstruktion solcher Kontinuitäten reproduziert Auffassungen von zumeist biologistisch verstandenen Zugehörigkeiten im Sinne eines Ethnonationalismus und schafft gleichzeitig Abgrenzungen gegenüber anders interpretierten Gesellschaften in Geschichte und Gegenwart. Der Workshop stellt das Aufgreifen völkischer Geschichtsbilder in Populärkulturen des östlichen Europa zur Diskussion und nimmt anhand konkreter Beispiele in den Blick, wie durch selektive historisierende Bezüge und Vergangenheitserzählungen nationalistische und rassistische Ideologien in die Mitte der Gesellschaft getragen werden können.

 

 

CE-TAG 2018 „The Production of Space and Landscape“ – 8.-9. Oktober 2018

Vom 8. bis 9. Oktober 2018 findet an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg die  5. Konferenz der ‚Central European Theoretical Archaeology Group‘ zum Thema ‚The Production of Space and Landscape‚ statt.

Conference venue: Haus zur Lieben Hand, Löwenstraße 16, 79098 Freiburg, Germany

Organizing committee: Michael Kempf and Margaux Depaermentier, Archaeological
Institute, Dep. Early Medieval and Medieval Archaeology, University of Freiburg.

Registration fee: €20 (payable upon arrival at the conference venue)

Conference language: The official language of the conference is English.

Programme (auch als downloadbares pdf sowie mit abstracts):

Monday, 8th October 2018

10:15 Registration

10:45 Conference Opening

11:00 Keynote Lecture: Moving in space and time – Thomas Meier

12:00 Lunch Break

1. Concepts and Cognition

13:30 Spaces and Places. A Foucaultian inspired theoretical commentary – Martin Renger, Stephanie Merten

13:50 Landscape, spacing and the modern megalithic thinking – Karolína Pauknerová

14:10 Is it Greek? Reconsidering social space in Ai Khanum – Artur Ribeiro, Milinda Hoo

14:30 Virgil and the production of ‚mixed‘ landscape: surroundings of
Taranto in Georgics (4.125-140) – Francesca Boldrer

14:50 Coffee Break

15:10 „Was Gott durch einen Berg getrennt hat“ … Boundaries as practice
and phenomenon of attribution – Alexander Gramsch

15:30 Physical versus cognitive maps in modeling hunter-gatherers spatial
behavior: The case of Late Paleolithic groups in the eastern part of
the North European Plain – Aleksandr Diachenko, Iwona Sobkowiak-Tabaka

15:50 Landscape Marking in the Ulúa Iconographic Tradition – Kathryn M. Hudson, John S. Henderson

16:10 Mapping the Invisible Landscape – Miguel Costa

16:30 General Discussion
17:00 Wine reception and Apéro dînatoire – Venue: Archaeological Institute, Dep. Prehistoric Archaeology, Early Medieval and Medieval Archaeology, Belfortstrasse 22, 79098 Freiburg – Inner Courtyard.

Tuesday, 9th October 2018
2. Tools and Application

9:00 “Invisible scenarios, creating space in buried context. Experiences,
limits and perspectives” – Fabiana Battistin

9:20 Modelling Mesopotamia – The production of emerging power
relations in an irrigated landscape – Maurits W. Ertsen

9:40 Testing methods for identifying boundaries in archaeology – Irmela Herzog

10:00 Errands for erratics: modelling and explaining megalithic spacing on
glacial moraines – Eva Rosenstock, Marcus Groß

10:20 Coffee Break

10:40 Diffusing archaeological space – Matthias Kucera

11:00 “The use of Space Syntax for studying buried cities: the case of the
Roman town of Falerii Novi (IT)”
Fabiana Battistin

11:20 Urban kinaesthetics – movement in constructed space – Monika Baumanova

11:40 On the orientation patterns of the Central European Neolithic circular
enclosures according to geographical regions – Judit P. Barna, Emília Pásztor, Jaromír Kovárník, István Eke

12:00 Lunch Break

13:30 On the Significance of Landscape in Minoan Archaeology – Sebastian Adlung

13:50 On the way to the mountains – Relation between the lowland and
piedmont areas in the Late Bronze Age – Anna Augustinová

14:10 An Iron Age liminal landscape on the Swabian Jura, SW Germany – Jan Johannes Ahlrichs

14:30 Coffee Break

14:50 The fragmentation of landscape – Early Medieval land-use strategies
and settlement continuity in the Upper Rhine Valley – Michael Kempf

15:10 Societies, space and structures – Susanne Brather-Walter

15:30 General Discussion

16:00 End of Meeting

Kulturerbe = Kulturpflicht? Neue Publikation der AG TidA erschienen

Soeben ist eine neue Publikation der AG TidA erschienen. Der Band „Kulturerbe = Kulturpflicht? Theoretische Reflexionen zum Umgang mit archäologischen Orten“, herausgegeben von Kerstin P. Hofmann, Ulf Ickerodt, Matthias Maluck und Patricia Rahemipour, sammelt unterschiedliche Reflexionen zu diesem Thema und profitiert von den jeweiligen Standortbestimmungen auf Basis der individuellen organisatorischen Einbettung und beruflichen Praxis. Das umschriebene Themenfeld wurde daher in der Sektion „Kulturerbe=Kulturpflicht? Theoretische Reflexionen zum Umgang mit archäologischen Orten in Deutschland“ aufgegriffen. Die Veranstaltung selbst fand am 29. Mai 2012 im Rahmen der Tagung des West- und Süddeutschen Verbands für Altertumsforschung statt und wurde von der AG Theorien in der Archäologie e. V. und dem Forum für Archäologie in Gesellschaft organisiert. Allen Referent*innen und Diskutant*innen sowie den Autor*innen dieser Publikation sei für ihr Engagement gedankt, über den Umgang mit dem archäologischen Erbe so bereitwillig nachzudenken.

Der Band kann hier bestellt werden: http://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/ALSH/Information/SchriftenVerkauf/Schriften/kulturerbe_kulturpflicht.html

CfP: Sozialwissenschaften – mit oder ohne „Gesellschaft“?

Am 21./22. Juni 2018 findet in Kassel ein interdisziplinärer Workshop in Kooperation der Sektionen Kultursoziologie und Soziologische Theorie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) statt. Explizit ist auch die Archäologie angesprochen, Gesellschafts- und Kollektivbegriffe neu zu (über)denken.

Den Call for Abstracts findet ihr hier: http://www.heike-delitz.de/Gesellschaft_2018_CfP.pdf

Die Deadline ist der 15.3.2018

 

Programm der Sektion „(Un)Sichere Geschichte(n): Archäologie und (Post)Faktizität“

Am 20.-21.3. veranstalten wir auf der Tagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung (MOVA) und des West- und Süddeutsche Verbandes für Altertumsforschung (WSVA) gemeinsam mit dem Forum Archäologie in Gesellschaft (FAiG) wieder eine Sektion. Thema ist dieses Mal „(Un)Sichere Geschichte(n): Archäologie und (Post)Faktizität“

Programm (auch hier zum downloaden)

Dienstag, den 20.03.2018

8:45 Uhr • Stefan Schreiber (Berlin) / Kerstin P. Hofmann (Frankfurt a. M.), Begrüßung
9:00 Uhr • Artur Ribeiro (Kiel), Archaeology and the real: considerations on reality and the sciences
9:30 Uhr • Vesa Arponen (Kiel), Der „Reflective Turn“ in der Archäologie

10:00 Uhr • Kaffeepause

10:30 Uhr • Sophie-Marie Rotermund (Hamburg) / Geesche Wilts (Hamburg) / Stefan Schreiber (Berlin), Angst vor der Postfaktizität? Vergangenheiten als Bricolage
11:00 Uhr • Thomas Meier (Heidelberg), Vergesst Fakten
11:30 Uhr • Gabriele Rasbach (Frankfurt a. M.), „Archäologie ist die Suche nach Fakten. Nicht nach der Wahrheit.“ Postfaktizität an Beispielen aus der (Provinzial-Römischen) Archäologie
12:00 Uhr • Alexander Hilpert (Saarbrücken), „Die Villa der Secundinier“? Die römische Villa von Nennig und ihre „unsichere Geschichte“ im Spiegel der Forschung nach 1866

12:30 Mittagpause & Ende Tag 1 der Sektion (Un)Sichere Geschichte(n)

Mittwoch, den 21.03.2018

09:00 Uhr • Karin Reichenbach (Leipzig), Wem gehört die Vergangenheit? Archäologisches Reenactment als populäre Form der Geschichtsaneignung zwischen Postmoderne und Postfaktizität
09:30 Uhr • Ralf Hoppadietz (Bibracte), Versicherte Geschichte. Reenactment als Geschichtsvermittlung zwischen Post- und Kontrafaktizität

10:00 Uhr • Kaffeepause

10:30 Uhr • Rüdiger Krause (Frankfurt a. M.) / Rupert Gebhard (München), Das Narrativ von Bernstorf. Wissenschaftliches und Postfaktisches zu den Gold- und Bernsteinfunden
11:00 Uhr • Felix Wiedemann (Berlin), Die Einsichtigkeit der Erzählung. Formen narrativer Evidenz in den historischen Wissenschaften
11:30 Uhr • Lukas Bohnenkämper (Basel), Schwarz-Weiß-Malereien: Ägypten und Kusch zwischen Afro- und Eurozentrismus
12:00 Uhr • Kerstin P. Hofmann (Frankfurt a. M.), Erzähl mir doch (k)eine Geschichte(n)!

12:30 Uhr • Mittagspause

14:00 Uhr • Stefan Solleder (Berlin), Wann ist die Rekonstruktion der Vergangenheit wissenschaftlich? Theoretische Überlegungen anhand des Falls „Nordirlandkonflikt“
14:30 Uhr • Bärbel Auffermann (Mettmann), Von der Schatzkammer zum sozialen Raum
15:00 Uhr • Laura Löser (München), Mut zur Lücke. Ein Plädoyer für Bedeutsamkeit und Chance von Unsicherheit in archäologischer und historischer Museumsvermittlung

15:30 Uhr • Kaffeepause

16:00 Uhr • Doris Gutsmiedl-Schümann (Berlin), Archäologiestudiengänge zwischen (re)konstruierter Vergangenheit und historischer Wahrheit
16:30 Uhr • Jana Anvari (Berlin) / Eva Rosenstock (Berlin), Neolithic Doom: negative Darstellungen der Neolithisierung in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen

17:00 Uhr • Abschlussdiskussion


Abstracts

Artur Ribeiro (Kiel), Archaeology and the real: considerations on reality and the sciences

One of the most interesting aspects of twentieth century scholarship is the rise of a dichotomy separating the real from the unreal. Whereas in the philosophy of the 17th to the 19th century there was much discussion concerning whether knowledge depended primarily on empirical observation (empiricism) or on human faculties (idealism), in the 20th century we can recognize a shift towards discussions on what is ontologically real and what is not. This new development has generated countless debates and has added more confusion to our understanding of the role of science in society.

This differentiation of what is real and unreal is also what underlines the rise of new philosophical trends like object-oriented ontology, assemblage theory, and speculative realism. However, a closer look at this differentiation in these new philosophical trends reveals a series of fallacies and inconsistencies. What is “real” is apparently decided by scholars and scientists by completely arbitrary means and imposed authoritatively. A more coherent and productive way of thinking about reality is to return to common-sense and follow the Wittgensteinian principle that it is ordinary language which establishes our understanding of what is real and what is not.

In archaeology this means a return to more solid factual and evidential ground – one that is not bogged down by artificial and arbitrary distinctions between ontology, epistemology, constructed, and real. Furthermore, this aligns with postfactuality: we are now entering a period which should not be feared, much on the contrary, we should embrace postfactuality as an intellectual achievement given that it forces us, as a society, to recognize a clear and commonsensical distinction between what is real and fake.

Vesa Arponen (Kiel), Der „Reflective Turn“ in der Archäologie

Im philosophischen Critical Realism wird vom Epistemic Fallacy gesprochen: „that statements about being can always be transposed into statements about our knowledge of being” (Bhaskar 2008). Laut Critical Realism ermöglicht dieser „Irrtum” den Skeptiker zu behaupten, dass „our knowledge” immer im Prinzip vom „being”, Fakten, getrennt sein wird. Der kritische Realismus vertritt im Gegensatz dazu die Meinung, dass der Begriff der Wissenschaftlichen Untersuchungen nicht ohne das „Sein“ als strukturierter, regelmäßiger, vom Mensch unabhängiger Mechanismus aufgefasst werden kann.

Der Vortrag soll die Bedeutung dieser Debatte für die Geisteswissenschaftliche Forschungs­praxis evaluieren und dies anhand von Beispielen aus der archäologischen Praxis darstellen. Die Wissenschaft wird als ein dialogischer Prozess dargestellt, indem der Begriff des „Reflective Turn“ an Bedeutung gewinnt. Der wissenschaftliche Prozess wird als von Paradigmen gesteuert verstanden, welcher die Wichtigkeit der Selbst-Reflexivität und des ordentlichen, wissenschaftlichen Verfahrens darstellt. Dieser kann als eine Alternative gesehen werden, die auch z.B. aus konstruktivistischer Sicht betrachtet, verständlich sein kann: „knowledge must be viewed as a produced means of production and science as an ongoing social activity in a continuing process of transformation“ (Bhaskar 2008). In den Beispielen wird die Rolle der verschiedenen Begriffe der Macht und Ungleichheit in der archäologischen Interpretation diskutiert.

Literatur: Roy Bhaskar, A Realist Theory of Science (London / New York 2008 [1975]).

Sophie-Marie Rotermund (Hamburg) / Geesche Wilts (Hamburg) / Stefan Schreiber (Berlin), Angst vor der Postfaktizität? Vergangenheiten als Bricolage

Die Angst vor der Postfaktizität macht sich auch in der Archäologie bemerkbar. Jedoch greift ein Zurückziehen auf vermeintlich sichere, empiristische Positionen, wie sie bisweilen im Glauben an objektive, naturwissenschaftliche Methoden oder die Faktizität archäologischer Materialität praktiziert wird, häufig zu kurz. Denn Archäolog*innen sind nicht, und waren nie, die einzigen Akteure der Vergangenheitskonstruktionen.

Archäologische Konstruktionen unterscheiden sich durch eine methodische und kohärente Darstellung von anderen, zum Teil öffentlichkeitswirksameren Darstellungen. Eine Trennung in „faktische“ Wissenschaft und „postfaktische“ un-/nicht-/pseudowissenschaftliche Diskurse ist unserer Meinung aber nicht ausschlaggebend für den Erfolg vergangen­heitsbezogener Konstruktionen. Vielmehr ist es immer bereits eine Gemengelage aus unterschiedlichsten Interessen und Assoziationen, deren Qualität sich an der Viabilität und Anschlussfähigkeit an Erfahrungen und andere Konstruktionen bemisst (von Glasersfeld 1992, 30).

Wir wollen daher in unserem Vortrag mit Rekurs auf das Konzept der Bricolage nach Claude Lévi-Strauss (1991 [1962]) an verschiedenen Beispielen diskutieren, wie vielschichtig der Konstruktionsprozess der Vergangenheit ist. Denn dieser speist sich nie ausschließlich aus faktischem Wissen, sondern immer auch aus diversen anderen Quellen wie eigenen Interessen, Spielen, Filmen, Romanen, Sagen, Erzählungen, Märchen, Wünschen und Ängsten. Auf welche Art und Weise werden diese Quellen zusammengesetzt und welche Rolle spielt hierbei die Faktizität? Können und sollen faktische und ethische Qualitäten Einfluss auf die Vergangenheitskonstruktionen haben? Erst wenn wir verstehen, wie die Vergangenheiten als Bricolage entstehen, lassen sich die Aufgaben und Herausforderungen einer Archäologie im “postfaktischen Zeitalter” einschätzen und zugleich erkennen, dass wir schon immer in einem solchen leben.

Literatur: Ernst von Glasersfeld, Aspekte des Konstruktivismus: Vico, Berkeley, Piaget, in: Gebhard Rusch – Siegfried J. Schmidt (Hrsg.), Konstruktivismus: Geschichte und Anwendung. Delfin 1992 (Frankfurt a. M. 1992) 20–33; Claude Lévi-Strauss. Das wilde Denken. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1991 [1962].

Thomas Meier (Heidelberg), Vergesst Fakten

Die Vorstellung, dass es empirisch beobachtbare Fakten gebe, die Zugang zu einer objektiven Wahrheiten ermöglichten, entwickelte sich seit dem 17. Jahrhundert und basiert auf der Annahme, dass die wahrnehmbare Welt Rückschlüsse auf ihren Schöpfergott zulasse, der in der christlichen Vorstellung absolut und einzig wahr ist. Auch wenn die Aufklärung den christliche Gott als letzten Grund der Welterkenntnis den Wissenschaften ausgetrieben hat, haben weite Teile dieser Wissenschaften weder die Suche nach der Wahrheit als Ziel noch den Zugang über empirische Fakten in Frage gestellt. Vielmehr hat das Spurenparadigma solche Fakten als Weg zu einer – oft historisch gedachten – Wahrheit auch in den Geisteswissenschaften etabliert.

Der Vorwurf des Post-Faktischen rekurriert auf diesen kulturellen, aber absolut gesetzten Faktenbegriff und soll zugleich beschreiben, dass divergente Argumentationen die logische Struktur einer empirischen Beweisführung verleugnen. Der Begriff des Post-Faktischen führt aber in die Irre, da Meinungsunterschiede gar nicht hinsichtlich der grundsätzlichen Existenz und Beweiskraft von Fakten bestehen, sondern hinsichtlich ihrer Erkennbarkeit und Interpretationsmöglichkeiten. Insofern gehört der Begriff zu den fruchtlosen Disputen über nicht-hinterfragbare Glaubenssätze: „Die Wahrheit liegt in empirischen Fakten“ versus „Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters“. Ebenso fruchtlos ist der Versuch, empirische Faktizität ethisch zu begründen, da sich jeder beliebige ethische Standpunkt einnehmen lässt, und er immer nur innerhalb der Gruppe Bindungskraft entwickeln kann, die ihn bereits teilt.

Das Erschütternde an „post-faktischen“ Argumentationen ist vielmehr die Auflösung intersubjektiver Standards zugunsten einer rein subjektiven Willkür der Realitätssetzung. Innerhalb der Wissenschaft ist Post-Faktizität daher als Modus der Erkenntnisgewinnung unzulässig, weil Wissenschaft stets auf dem kontroversen Diskurs gleich erkenntnisbegabter Partner im Rahmen eines gemeinsamen Regelwerks der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit basiert. Außerhalb des Felds der Wissenschaft ist Post-Faktizität hingegen sehr viel schwieriger zu kritisieren, da gesellschaftliche Regelsysteme grundsätzlich veränderbar sind. Politisch betrachtet, verbergen sich hinter post-faktischen Argumentationen autokratische Ansprüche, so dass sich hier von einem ethischen, also kulturrelativen Standpunkt aus argumentieren lässt. Von historischer Seite sind die gesellschaftlichen Konsequenzen despotischer und willkürlicher Herrschaft als Optionen einer post-faktischen Zukunft vor dem Hintergrund entsprechender Vergangenheiten zu skizzieren.

Gabriele Rasbach (Frankfurt a. M.), „Archäologie ist die Suche nach Fakten. Nicht nach der Wahrheit.“ Postfaktizität an Beispielen aus der (Provinzial-Römischen) Archäologie

Das Zitat von Indiana Jones eröffnet eine Diskussion um Aussagemöglichkeiten und -grenzen in der Archäologie.

  • Durch die Interpretation von Befunde und Funden wird ein Narrativ entwickelt, das – quasi präfaktisch – publiziert wird, ohne quellenkritisch die Dinge zu hinterfragen.
  • Mit diesen Narrativen wird versucht, sich „der historischen Wirklichkeit“ zu nähern. In Ausstellungen und Publikationen Rekonstruktionen dieser unbekannten, vergangenen Wirklichkeiten – vergangene Landschaften und Siedlungsgefüge – „fotorealistisch“ als Fakten installiert. Dabei geht die Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten zunehmend verloren.

Die archäologischen Wissenschaften reagieren auf tatsächliche oder vermeintliche Vorgaben der Forschungspolitik und  gesellschaftliche Trends:

  • Forschungsergebnisse werden für einseitige historische Narrative missbraucht, die zu politischen und propagandistischen Zwecken genutzt werden
  • Die Forschung selbst übersteigert eigene Ergebnisse, besonders im Zusammenhang mit Bewertungskriterien oder zur Akquise von Drittmitteln und dieselben „sensationellen“ Ergebnisse werden gezielt medial vermarktet.

Aber falsche, gefälschte und „geschönte“ Nachrichten sind bereits aus der Antike selbst bekannt; leicht nachzuvollziehen ist dies bei der gezielten Falschinformation von politischen Gegnern, eine Vorgehensweise, die auch aktuell zur Anwendung kommt. Bis heute werden topoi von Fremden und „Barbaren“ bedient.

Postfaktizität ist mit einer diskussionsfreudigen Kommunikation von Forschungsergebnissen zu begegnen, denn wir können (und müssen) Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Themen nehmen (Landschaftsentwicklung durch Klimaschwankungen und die Veränderungen in Siedlungsmuster, die Reaktionen vergangener Gesellschaften auf Hunger und Krieg oder Migrationsbewegungen, um nur einige aktuelle politische Themen zu nennen). Aber in Abgrenzung zu pauschalen Urteilen gilt es klarzustellen, dass es monokausale Erklärung nicht geben kann; den daraus resultierenden Vorwürfen der mangelnden Bereitschaft zu „eindeutigen“ Aussagen müssen wir uns entgegenstellen. Wir Archäologen dürfen uns die Deutungshoheit über archäologische und historische Quellen nicht nehmen lassen.

Alexander Hilpert (Saarbrücken), „Die Villa der Secundinier“? Die römische Villa von Nennig und ihre „unsichere Geschichte“ im Spiegel der Forschung nach 1866

Der historische Blick auf die Forschungsgeschichte der römischen Villa von Nennig zeigt, dass es sich bei dem Wissen um diesen Fundort in großen Teilen um „unsichere Geschichte“ handelt: 1852 weckte die Entdeckung des prachtvollen Mosaiks europaweites Interesse, aber erst 1866 wurde eine größere Grabung durchgeführt, bei der unter anderem ein separates Badegebäude gefunden wurde. Der damalige Grabungsleiter Heinrich Schaeffer, dessen Biographie vom Referenten gerade im Rahmen einer historischen Dissertation untersucht wird, skizzierte damals Wandmalereien, die angeblich sofort verblassten, und Besitzer-Inschriften (der treverischen Familie der Secundinier), die dem Fundort eine herausragende Geschichte zuwiesen. Letzteres wurden nach jahrelangem epigraphischem

Streit als Fälschung erkannt. Weil man den Fundberichten nun nicht mehr traute, wurde die Villa 1869 erneut aufgedeckt, doch erst bei Grabungen im 20. Jahrhundert konnten wieder Wandmalereien dokumentiert werden. Die Skizzen, Beschreibungen und Erzählungen des 19. Jahrhunderts wurden dagegen bislang kaum analysiert. Ein von Schaeffer verfasstes Manuskript über die „Die Villa der Secundinier“ ist erst jüngst vom Referenten wiederentdeckt worden.

Der Vortrag untersucht die Manuskripte des ersten Grabungsleiters narratologisch und im Kontext des 150 Jahre währenden Diskurses um Nennig. Im Zusammenhang mit weiteren Briefen, Zeitungsartikeln und Zeichnungen aus der Feder des dubiosen Archäologen soll nicht nur ein Blick in die Plausibilisierungs- und Authentisierungsverfahren des 19. Jahrhunderts geworfen werden, sondern es soll darüber hinaus auch herausgearbeitet werden, welche Auswirkungen sie für die weitere Forschung hatten.

Karin Reichenbach (Leipzig), Wem gehört die Vergangenheit? Archäologisches Reenactment als populäre Form der Geschichtsaneignung zwischen Postmoderne und Postfaktizität

Im Vortrag möchte ich anhand von Beispielen aus der deutschen und polnischen Frühmittelalter-Reenactment-Szene die Problematik aufgreifen, dass insbesondere im Rückgriff auf angenommene vorchristliche, heidnische Lebensweisen Geschichtsbilder aktiviert werden, die an rechtsextreme, neopagan orientierte Ideologien anschlussfähig, und auf diese Weise Segmente der Reenactmentkultur auch nachweislich in rassistisch-neofaschistische Subkulturen und Netzwerke eingebunden sind.

Da Demokratisierungs- und Pluralisierungsprozesse der postmodernen Gesellschaft für die Vielfalt jüngerer Geschichtszugänge und damit für die Partizipation an der Herstellung von Vergangenheitsentwürfen verantwortlich gemacht werden, stellt sich hier die Frage, ob die Demokratisierung der Geschichtszugänge denn auch immer der Demokratie dient?

Wenn es aus erkenntistheoretischer Sicht keine absolute, beobachterunabhängige Instanz gibt, die darüber entscheiden kann, was ‚wahr’ ist, und wenn es angesichts der Unzugänglichkeit der – ja vergangenen – Vergangenheit keine Möglichkeit des Abgleichs mit den hervorgebrachten Geschichtsbildern gibt, wer kann darüber befinden, was ‚authentisch’ ist? Und wie und auf welcher argumentativen Grundlage können sich Wissenschaft und Museen zu problematischen Geschichtsentwürfen positionieren?

Ralf Hoppadietz (Bibracte), Versicherte Geschichte. Reenactment als Geschichtsvermittlung zwischen Post- und Kontrafaktizität

Momentan ist die Rede vom „Postfaktischen Zeitalter“ in aller Munde. Als relativ neues Phänomen angesehen, werden die wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen um die Möglichkeit des Nachweises einer objektiven Wahrheit der vergangenen Dekaden meist ignoriert.

Auch innerhalb der Ur- und Frühgeschichtsforschung wird bis heute zumeist wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass wir uns durch möglichst genaue und umfassende Daten- und (Arte-) Faktenanalyse einer historischen Wahrheit von vergangenem Leben (und Denken) annähern könnten. Die dabei produzierten Vorstellungen werden in der Folge weitgehend unreflektiert in die außerwissenschaftlichen Diskurse übernommen und als vermeintliche historische Gewissheiten verhandelt. Nirgends tritt die Annahme einer Faktizität unseres Wissens über die (eine) historische Wahrheit so deutlich zutage wie im Bereich der Vermittlung von Geschichte. Durch die Erschaffung von Lebensbildern und eine Visualisierung scheinbar „zum Leben erweckter“ historischer Realitäten durch archäologisches/historisches Reenactment werden vermeintliche Fakten in eine dauerhafte Form gegossen. Das daraus entstehende Konstrukt bietet weder die Möglichkeit, wissenschaftliche Unsicherheiten und Leerstellen unseres Wissens über vergangene Gesellschaften aufzuzeigen, noch alternative bzw. konkurrierende (Erklärungs-)Modelle. Dies betrifft vor allem die Darstellung sämtlicher immaterieller Kulturäußerungen, wie beispielsweise soziale und religiöse Vorstellungen. Neben dieser allgemeinen Problematik ist gerade im Bereich des Reenactment das Phänomen einer dezidiert ideologisch determinierten Darstellung zu beobachten, bei der jedwede wissenschaftliche Diskussionen zugunsten eigener außerwissenschaftlicher Überzeugungen negiert werden und die teilweise als kontrafaktisch bezeichnet werden muss.

Ausgehend von den erkenntnistheoretischen Überlegungen, die im Beitrag von Karin Reichenbach vorgestellt werden, soll der Vortrag anhand von konkreten Fallbeispielen zeigen, wie in Teilen des archäologischen Reenactment (teilweise bewusst) bestimmte Bilder einer Vergangenheit konstruiert werden, aus welchen (außerarchäologischen) Diskursen diese stammen und zu welchen Verzerrungen im Hinblick auf den allgemeinen Forschungsstand diese führen. Daneben soll aufgezeigt werden, wie langlebig diese erzeugten Bilder gerade im außerwissenschaftlichen Diskurs sind und zu welchen sich gegenseitig perpetuierenden Wechselbeziehungen diese führen.

Rüdiger Krause (Frankfurt a. M.) / Rupert Gebhard (München), Das Narrativ von Bernstorf. Wissenschaftliches und Postfaktisches zu den Gold- und Bernsteinfunden

Das Narrativ von Bernstorf besteht derzeit je nach Perspektive und Betrachter aus wissenschaftlichen Daten und Fakten ebenso wie aus Konstrukten wissenschaftlicher Halbwahrheiten und Unterstellungen. Mit der Auffindung der Goldbleche und der verzierten Bernsteine in Bernstorf, der größten Befestigung der mittleren Bronzezeit nördlich der Alpen, wurden 1998 und 2000 unmittelbar Fälschungsvorwürfe gegen die Finder, Mitglieder des Archäologischen Vereins Freising, vorgebracht, die bis heute eine zentrale Grundlage für die Fälschungsbefürworter darstellen. In der Folge entwickelten sich bis heute Unterstellungen, menschliche Zerwürfnisse und mit Daten und Argumenten unterschiedlicher Qualität gefütterte wissenschaftliche Konstrukte.

Die so entstandenen alternativen Fakten sollten dabei treffender im Rahmen eines der Legitimation einer bestimmten Position dienenden Rechtfertigungsnarrativs kommuniziert werden. Um es mit dem Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu formulieren (Forschung & Lehre 2/2107), „…deutet der Begriff des Post-Faktischen eine erlebbare Wahrheitskrise zu einem bereits feststehenden Resultat um, zum kaum vermeidbaren Übel“. Deshalb schlägt er vor, das postfaktische Zeitalter besser das „peinliche Zeitalter“ zu nennen, in welchem die Weltgemeinschaft der Wissenschaftler vor dieser Wahrheitskrise kapituliert.

Im Gegensatz dazu streben wir an, aus fundierten wissenschaftlichen Daten und Quellen, Ereignissen und Beobachtungen, ein Narrativ zu entwickeln, das eine konsistente epochenspezifische und übergreifende Darstellung des bronzezeitlichen Bernstorf ermöglicht.

Felix Wiedemann (Berlin), Die Einsichtigkeit der Erzählung. Formen narrativer Evidenz in den historischen Wissenschaften

Alle Wissenschaften streben nach Evidenz, d.h. nach Unmittelbarkeit, Augenscheinlichkeit und Einsichtigkeit ihrer Aussagen und Befunde. Aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive erweist sich Evidenz dabei nicht etwas Gegebenes, sondern als etwas Gewordenes und kann als das begriffen werden, was in einem bestimmten historischen, sozialen und epistemischen Kontext als einsichtig und überzeugend gilt. In jeder Epoche kursieren und konkurrieren verschiedene Evidenzformen, die etwa nach wissenschaftlichen Fachrichtungen, Disziplinen oder Diskursformationen unterschieden werden können.

In diesem Sinne weisen auch die historischen Wissenschaften spezifische Evidenzformen auf, die je nach Disziplin unterschiedliche Gewichtung erfahren. So eignet Evidenz nicht den im Rahmen einer Argumentation angeführten Quellen an, sondern stellt sich als Folge unterschiedlicher Auffassungen darüber ein, was als augenscheinlich oder offenkundig gilt. Der Beitrag wird zunächst die verschiedenen Evidenzformen und ihre Einteilungs­möglichkeiten in den historischen Wissenschaften skizzieren und anschließend auf eine spezifische Evidenzform fokussieren, die in allen ihren Zweigen eine gewichtige Rolle zu spielen scheint: die narrative Evidenz. Mit narrativer Evidenz hat man es dann zu tun, wenn die Überzeugungskraft einer Aussage wesentlich auf der Form der Erzählung basiert und sich nicht aus einem Erzählkontext herauslösen lässt. In den historischen Wissenschaften kommen narrative Evidenzen sowohl auf der Ebene der herangezogenen Quellen (sofern diese als explizite oder implizite Erzählungen begriffen werden können) als auch bei der Einbettung in den forschungsgeschichtlichen Kontext sowie schließlich bei der eigenen Darstellung ins Spiel. Sie erweisen sich mithin nicht erst bei der Vermittlung, sondern bereits bei der Konstitution historischen Wissens als konstitutiv.

Lukas Bohnenkämper (Basel), Schwarz-Weiß-Malereien: Ägypten und Kusch zwischen Afro- und Eurozentrismus

Im europäischen und US-amerikanischen Geschichts- und Rassendiskurs nehmen Ägypten und Kusch als historische Referenzpunkte seit dem 19. Jh. eine zentrale Stellung ein. Bereits Georg W. F. Hegel trennte Ägypter und Punier vom „geschichtslosen“ Schwarzafrika und Vertreter der Hamitentheorie wie Charles G. Seligman und Carl Meinhof festigten diese Trennung durch die Annahme einer überlegenen hamitischen Rasse. In diesem Zusammenhang sind auch William M. F. Petries einflussreiche Hypothese einer kultur­bringenden vorderasiatischen „Dynastic Race“ und James H. Breasteds nordost­afrikanische „Great White Race“ zu nennen. In den USA waren die Frage nach der rassischen Zugehörigkeit der Ägypter und die sich daraus ergebenden Implikationen für die Rechtfertigung der Sklaverei sogar grundlegend für die Entstehung der dortigen Ägyptologie. Seit dem 19. Jh. wird diesen Behauptungen von Forschern wie Martin R. Delany, George G. M. James, William E. B. Du Bois, Cheikh Anta Diop und Molefi Kete Asante die Auffassung entgegengestellt, dass Ägypten und Kusch schwarzafrikanische Gesellschaften und der Ursprung der Zivilisation gewesen seien. Der gesamtgesellschaftliche Diskurs, welcher durch Martin Bernals „Black Athena“ neu angefacht wurde, prägt auch heute noch die akademischen, musealen und massenmedialen Konstruktionen Ägyptens und Kuschs. Die Genese und aktuelle Wirkmächtigkeit dieser Geschichtsbilder sowie die Frage, wie sich die heutige Ägyptologie in diesem Diskurs positioniert beziehungsweise positionieren sollte, werden die Themen des Vortrages sein.

Kerstin P. Hofmann (Frankfurt a. M.), Erzähl mir doch (k)eine Geschichte(n)!

Dass man in der Archäologie nicht nur ausgräbt, sammelt, beschreibt und klassifiziert, sondern auch erzählt, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Die Fragen, wie man Geschichte(n) schreiben will und welchen Einfluss unterschiedliche Darstellungsweisen auch auf die Forschungspraxis haben, werden jedoch noch vergleichsweise selten diskutiert. Beschreiben und Erzählen sind nämlich nicht nur zwei unterschiedliche Darstellungsmethoden, sondern auch „grundlegend verschiedene Stellungen zur Wirklichkeit” (Georg Lukács, Erzählen oder beschreiben? Zur Diskussion über Naturalismus und Formalismus. In: Essays über Realismus. Georg Lukács Werke 4. Probleme des Realismus I (Neuwied 1971 [1936]) 197–242; hier: 206). In dem Diskussionsbeitrag geht es u. a. darum, zur Reflexion über die Eignung und Auswirkungen verschiedener Darstellungsformen und -methoden bei der Erforschung und Vermittlung von Brechungen, (Un)Kenntnis und Fremderfahrungen, von Raum und Zeit sowie von Sinnordnungen und ihren Hierarchisierungen anzuregen. Dabei sollen auch ethische Implikationen, die Möglichkeit der Abgrenzung von Fakten und Fiktionen und die Chancen und Risiken einer Orientierung an Kunst, Literatur und neuen anderen Medien angesprochen werden. Ist es wirklich sinnvoll, der immer lauter werdenden Forderung nach Narrativen nachzugeben? Was können uns narratologische und medienwissenschaftliche Theorien und Forschungen über unsere Wirklichkeits(re)konstruktionen und Forschungspraktiken lehren?

Stefan Solleder (Berlin), Wann ist die Rekonstruktion der Vergangenheit wissenschaftlich? Theoretische Überlegungen anhand des Falls „Nordirlandkonflikt“

Die Konstruktion und Benutzung von Geschichte(n) und historischen Mythen für politische Zwecke ist charakteristisch für den Nordirlandkonflikt. Beide Seiten, pro-irische Katholiken und pro-britische Protestanten, erschaffen ihre jeweiligen ethnischen Gruppen-Identitäten mit Bezug auf mythologische und historische Ereignisse (u.a. durch das Malen propagandistischer Wandbilder in den Straßen ihrer Hochburgen, sog. Murals). Die Ereignisse reichen von der jüngsten Vergangenheit über die 1910er Jahre, das 18., 17. und 11. Jh. bis in früh- und vorgeschichtliche Zeiten zurück. Charakteristisch ist jeweils, dass Mythen, historische Ereignisse und ‚Fakten‘ so interpretiert werden, dass sich mit ihnen Jahrhunderte oder gar Jahrtausende umfassende Kontinuitäten erschaffen lassen. Ersten geht es hier um die Konstruktion einer althergebrachten Feindschaft, zweitens um die Konstruktion einer uralten kulturellen Gruppe und drittens darum, territoriale Herrschaftsansprüche auf Nordirland zu legitimieren.

Auffällig ist an den Konstruktionen, dass sie – oftmals auf subtile Art und Weise – Geschichte in eine spezifische Richtung deuten durch Auslassungen, Betonungen, Verdrehungen, Interpretationen oder fehlendes Hinterfragen.

Der subjektive und kritisierbare Standpunkt der Produktion ethno-nationalistischer Geschichtsschreibung lässt sich daher relativ leicht identifizieren. Das Problem im Anschluss hieran besteht jedoch darin, den Standpunkt der Kritik an der ethno-nationalistischen Geschichtsschreibung exakt zu benennen. Was kann an der Arbeit der Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften besser – und nicht nur anders sein? Die These dieses Vortrags hierzu lautet, dass Wissenschaft dann ‚besser‘ sein kann, wenn sie einen besonderen ethischen und nicht nur einen besonderen methodologischen Standpunkt einnimmt, d.h., wenn sie Kritik nicht nur erträgt, sondern geradezu erwartet und aktiv herausfordert. Ethno-Nationalisten ertragen i.d.R. Kritik nur schwer, erwarten tun sie gar nicht und sie betrachten ihre Sichtweisen als ewige Wahrheiten.

 

Bärbel Auffermann (Mettmann), Von der Schatzkammer zum sozialen Raum

Museen halten sich in der eigenen Wahrnehmung für bedeutende Orte der Vermittlung von Vergangenheit, dabei haben ihnen im 21. Jahrhundert andere Medien längst den Rang abgelaufen. Der Vortrag zeigt Wege auf, mittels derer Museen heute versuchen, relevant zu bleiben. Im Neanderthal Museum verstehen wir uns als Lobbyisten für Evolutionslehre und Menschheitsgeschichte. Wir machen vielschichtige Vermittlungsangebote und bedienen unterschiedliche Kommunikationswege, um möglichst viele Zielgruppen zu erreichen. Das Badische Landesmuseum Karlsruhe denkt seine Dauerausstellung derzeit radikal neu und möchte sich als authentischer und sozialer Raum öffnen. Diese und weitere Beispiele werden aufgezeigt und hinterfragt. Reichen diese Maßnahmen aus, um von der Gesellschaft weiterhin als vertrauenswürdige Institutionen akzeptiert zu werden? Welche weiteren Schritte einer breiten Öffnung sind denkbar?

Laura Löser (München), Mut zur Lücke. Ein Plädoyer für Bedeutsamkeit und Chance von Unsicherheit in archäologischer und historischer Museumsvermittlung

Dürfen sich die Archäologien zu Unsicherheiten bekennen, wenn ihre Legitimität in der Gesellschaft ohnehin schon in Zweifel steht? Nein, so möchte ich in meinem Paper argumentieren, vielmehr stehen sie sogar in der Pflicht, die Öffentlichkeit über die grundsätzliche Fragwürdigkeit ihrer Ergebnisse aufzuklären.

Denn ein weitverbreitetes Missverständnis in der Bevölkerung ist, dass die Archäologie hauptsächlich dazu diene, die Vergangenheit zu illustrieren, nicht aber, sie zu verstehen [Nick Merriman, „Involving the Public in Museum Archaeology”. In: Robin Skeates (Hrsg.): Museums and Archaeology (Oxford/New York 2017) 550] Dass sich unter dieser Voraussetzung eine nachhaltige Wertschätzung für die Archäologien nicht halten kann, leuchtet ein. Daher sollten Vertreter*innen der archäologischen Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere in den Museen, fragwürdige Forschungsergebnisse nicht verstecken, sondern zur Diskussion stellen. So stärken sie das Bewusstsein für die Komplexität und die Bedeutung von archäologischer Forschung in der Gesellschaft.

In meinem Paper möchte ich jedoch dafür plädieren, noch einen Schritt weiter zu gehen und in einen Dialog mit den Menschen zu treten. Im Austausch mit der interessierten Öffentlichkeit werden wir immer wieder mit Problemen konfrontiert, die vermeintlich längst beantwortet sind. Wenn wir uns jedoch wirklich noch einmal die Quellen vornehmen, stellen wir nicht selten fest, dass unsere Antworten so eindeutig dann doch nicht sind. Die Fragen und Vorstellungen unseres Publikums kann und sollte daher unsere Arbeit befruchten, und wir sollten keine Angst davor haben, ihm ein gewisses Maß an Freiheit zuzumuten: am Beispiel einer kreativen Schreibwerkstatt, die ich kürzlich am Landesmuseum Mainz durchführen durfte, möchte ich den Stellenwert von Kreativität und Fantasie im Kontext von Museumsvermittlung erläutern.

Doris Gutsmiedl-Schümann (Berlin), Archäologiestudiengänge zwischen (re)konstruierter Vergangenheit und historischer Wahrheit

„In der Schule geht es um Antworten, an der Uni geht es um Fragen“ [Dr. Karin Beck, Leiterin des Colleges der Leuphana-Universität Lüneburg in einem Interview auf Spiegel Online am 6.5.2013 (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/helikopter-eltern-hochschulen-entdecken-eltern-als-zielgruppe-a-897649-4.html [11.12.2017])].: Dieser Perspektivwechsel stellt für Studierende, gerade zu Beginn Ihres Studiums, eine große Herausforderung dar. In diesem Kontext ist m.E. zu sehen, dass Studierende mitunter erwarten, historische Wahrheiten gelehrt zu bekommen oder von ihren Lehrenden die Präsentation der einen, gültigen Geschichte einfordern.

Wie gehen die aktuellen Archäologiestudiengänge damit um? Zu welchen Zeitpunkt im Studienverlauf, in welchem Umfang und im Rahmen von welchen Modulen setzen sich die Studiengänge mit generellen erkenntnistheoretischen Problemen wie der im Call for Papers genannten Beobachterabhängigkeit gegenüber Erkenntnisgegenständen sowie fachspezifischen Aspekten wie der (Re)Konstruktion von Vergangenheitsentwürfen auseinander? Wird in den  Studiengängen die wissenschaftlichen Herangehensweisen an archäologische Quellen in diesem Kontext  problematisiert; wenn ja, wie und in welchem Rahmen? Wie wird in den Studiengängen gegenüber den Studierenden als künftigen Multiplikatoren archäologischer Themen Vergangenheit (re)konstruiert und vermittelt?

Ich möchte mich in meinem Beitrag auf Grund einer Analyse der aktuellen Studien- und Prüfungsordnung sowie der Modulpläne archäologischer Bachelor- und Masterstudiengänge mit diesen Fragen auseinandersetzen. Zugleich möchte ich diskutieren, wie sich im Kontext aktueller hochschuldidaktischer Konzepte die Studiengänge der Herausforderung der Vermittlung dieser mitunter schwierigen Fragen stellen können.

Jana Anvari (Berlin) / Eva Rosenstock (Berlin), Neolithic Doom: negative Darstellungen der Neolithisierung in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen

In den letzten Jahren und Jahrzehnten findet sich in populärwissenschaftlichen Medien (Büchern, Zeitungsartikeln, Blogs, Schullehrmaterialien) zunehmend die Meinung, der Übergang zur bäuerlichen Lebensweise im Neolithikum stelle eine große Fehlentwicklung dar. Weltweit habe die Neolithisierung zu bis heute spürbaren großen sozialen und gesundheitlichen Problemen sowie Umweltschäden geführt. Diese Veröffentlichungen bilden eine Paralleldiskussion, aus der kaum Austausch mit Archäologen stattfindet und deren Ansichten in einem ambivalenten Verhältnis zur archäologischen Diskussion ähnlicher Forschungsfragen stehen. Eine besondere Relevanz ergibt sich aus dem Umstand, dass die Autoren solcher Werke – von denen einige große Verbreitung und Aufmerksamkeit erfahren haben – eine (prä)historische Narrative häufig mit negativen Aussagen über die Gegenwart und Zukunft verbinden. Basierend auf einer empirischen Inhaltsanalyse einer repräsentativen Stichprobe von Medien strebt dieser Vortrag eine erste umfassende Beschreibung des ‚Neolithic Doom‘-Phänomens an. Forschungsfragen sind dabei: Welche negativen Folgen der Neolithisierung werden postuliert? Welche (archäologischen und anderen) Fallbeispiele werden zur Unterstützung herangezogen? Welche Zukunftsvisionen werden beschrieben? Ausgehend von dieser Analyse wird der Vortrag die Einbettung des ‚Neolithic Doom‘-Phänomens in philosophische und weltanschauliche Strömungen seit der Vormoderne beschreiben und diskutieren, welche Folgerungen sich für die archäologische Praxis ergeben.

Postkoloniale Antike? Alterität und Macht in den Altertumswissenschaften

Am 4. und 5. Dezember 2017 findet in Basel eine Graduiertentagung statt. Es wird danach gefragt, inwieweit die von den Postcolonial Studies erarbeiteten Konzepte und Theorien auch für die Antike fruchtbar gemacht werden können. Der Schwerpunkt soll dabei auf Alterität und Machtverhältnissen liegen: Alterität meint die Konstruktion und Konstituierung des „Anderen“ (Other), gegen den eine gesellschaftliche, politische, kulturelle und wirtschaftliche Überlegenheit und Fortschrittlichkeit behauptet werden kann. Die dadurch gefestigten imperialen Strukturen sind von einer Asymmetrie der Machtverhältnisse gekennzeichnet, welche die unterworfene indigene Bevölkerung in ein Verhältnis der Subalternität drängt.

Das Programm könnt Ihr hier einsehen: Programm

Videoreihe „Theorien in der Archäologie“. Kooperation AG TidA und Anarchäologie

Wir möchten Euch unser neues Kooperationsprojekt vorstellen, dass wir gemeinsam mit dem Team von Anarchäologie (https://anarchaeologie.de/; https://www.facebook.com/anarchaeologie/) gestartet haben. Anarchäologie ist ein Projekt von James Arias Fajardo und Sophie-Marie Rotermund aus Hamburg und mittlerweile bekannt durch seine Videos „Basis-Wissen Archäologie“, die archäologisches Wissen transdisziplinär einfach erklären. Ziel ist es, ohne hemmende soziale, intellektuelle und hierarchische Grenzen Wissen digital möglichst vielen zugänglich zu machen. Ein Projektstatement findet Ihr in der nächsten Ausgabe der „Blickpunkt Archäologie“ des DVA.

Gemeinsam führen wir nun ein Video-Projekt durch, in welchem verschiedene theoretische Strömungen leicht verständlich erklärt werden sollen. Die Texte zu den Videos wurden durch unsere Mitglieder Georg Cyrus und Stefan Schreiber verfasst, die Videos vom Anarchäologie-Team erstellt. Die Videos sind neben den oben genannten Seiten auch über den gleichnamigen Youtube-Channel zu finden. Bisher gibt es drei Videos, weitere folgen.

„How to date an archaeologist? Archäolog*innen daten“
(quasi einen Teaser, der die Zusammenarbeit ankündigt)

„Theorien in der Archäologie. Videoreihe (1/5)“

„Kulturhistorische Archäologie. Theorien in der Archäologie. Videoreihe (2/5)“

„Prozessuale Archäologie. Theorien in der Archäologie. Videoreihe (3/5)“

„Postprozessuale Archäologie. Theorien in der Archäologie. Videoreihe (4/5)“

Wir hoffen, es gefällt Euch und wir freuen uns über Kommentare, Kritiken und Meinungen dazu.